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Thanksgiving – Zwischen Jetlag & Pute

Thanksgiving à la Norddeutschland

 

Prolog – Wenn Indien noch im Gewürzregal duftet

Es gibt Reisen, die bleiben wie goldener Staub auf der Seele. Indien gehört dazu. Noch haftet ein leiser Saffranhauch an unseren Koffern, ein fernes „Honk-honk“ weht manchmal durch die Gedanken, als wäre Delhi nur eine Tür weiter.

Und dann steht plötzlich Thanksgiving vor der Tür – ein Fest, das eigentlich in Amerika wohnt und doch in unserem norddeutschen November wie ein warmer Irrläufer landet. Vielleicht ist es diese freundliche Verbeugung zweier Welten, die mich lächeln lässt: Dankbarkeit kennt keine Grenzen. Sie sitzt in Tempeln, an Küchentischen, in Reisfeldern und zwischen deutschen Kartoffeln.

Hier beginnt der Beitrag: geerdet am Esstisch, während in uns noch Indiens Farben nachglühen.

Ein indisches Thali wie ein Kompass voller Aromen: kleine Schälchen, große Würze – und ein goldener Teller, der noch einmal flüstert, wo wir gerade herkommen.


Ein Fest, das überall zu Hause ist

Thanksgiving – ob in Kanada, den USA, Liberia oder stillen deutschen Küchen – erzählt überall dieselbe Geschichte: innehalten, zurückblicken, danken. Der große historische Bogen der Pilgerväter mag oft bemüht sein; entscheidend ist dieser Moment, in dem die Welt kurz innehält und sagt: Gut, dass du da bist.


Der Duft Amerikas

In den USA dreht sich an diesem Tag alles um diesen großen Vogel: Süßkartoffeln, Cranberry-Sauce, Füllung – und ein Stück Pumpkin Pie, das jede Diät verspottet. Dazwischen Familiengeschichten, Lachen, ein bisschen Chaos. Vielleicht ist es gerade diese Mischung aus Nähe und Wahnsinn, die den Zauber ausmacht.


Deutschland & die Pute – eine vorsichtige Annäherung

Natürlich kennen wir hierzulande Pute – vom Grill, als Schnitzel, als Geschnetzeltes. Aber eine ganze Pute? Sie bleibt eher eine Nebenfigur, während Gans und Ente in diesen Wochen souverän die Bühne beherrschen.

Als ich unserer Freundin Inge das erste Mal erzählte, dass ich eine ganze Pute braten würde, sah sie mich an, als hätte ich angekündigt, demnächst auf dem Küchentisch zu tanzen. „Na, du traust dich was“, meinte sie nur.

Einmal, in Connecticut, stritten Reinhold und ich über die Größe des Vogels – ein zartes Truthähnchen für drei Personen? Reinhold lachte nur. Am Ende siegte ein Butterball-Monstrum, das uns bis in den Juni hinein ernährte.

Und ja – später reiste Reinhold tatsächlich einmal mit einem tiefgefrorenen Riesen-Truthahn im Handgepäck zurück nach Deutschland. In Detroit wurde das frostige Tier mehrfach durchleuchtet. „Gibt es in Deutschland keine Puten?“, lautete die irritierte Frage. „Doch“, antwortete er brav, „aber nur kleine.“

Der Butterball reiste im Overhead-Compartment mit, sorgsam verstaut – man will ja niemanden erschlagen. Und rechtzeitig zum Auftauen war er natürlich auch daheim.

Butterball-Türme im Supermarkt – der amerikanische Truthahn-Kult in seiner vollen Pracht.


Unsere kleine Tradition

Heute bestelle ich die Pute frisch beim Bauern – ohne Drama, mit guter Beratung. Und inzwischen ist es Tradition, Heidrun und Jürgen einzuladen. Dieses Jahr besonders: Heidrun möchte alles über unsere Indienreise hören.

Manchmal sind es gerade die Abende ohne Höhepunkte, die sich wie warme Wollschals um die Erinnerung legen. Über viele Stunden – zwischen Vorsuppe, Hauptgang und Dessert – haben wir erzählt, gelacht, nachgedacht. Heidrun suchte in ihrem Gedächtnis nach ihrer eigenen Indienreise, irgendwann im Jahr 1999, doch ihr Tagebuch ist verschwunden wie eine Postkarte ohne Marke. „Ich war da – glaube ich jedenfalls“, sagte sie und lachte, und in diesem Lachen lag eine ganze Welt aus Erinnerung und Vergessen.

Als sie fragte, ob wir in Udaipur auch über den Pichola-See gefahren seien, nickte Reinhold und erzählte wie nebenbei, dass dort Szenen für den James-Bond-Film Oktopussy gedreht wurden. Und während er das so erklärte, rieselte es mir wie Schuppen von den Augen: Als Binny uns das damals erzählte, dachte ich nämlich nicht an Oktopussy, sondern an Loriots Ödipussi. Und ich wunderte mich ernsthaft, wie Loriot ausgerechnet nach Rajasthan gekommen sein sollte.

Ohne jede Scheu sagte ich also: „Ach so – ich dachte…“ Die drei am Tisch lachten Tränen. Und in diesem Lachen lag plötzlich alles: Indien, Erinnerungslücken, Missverständnisse – und die leichte Wärme eines Abends, der einfach richtig war.

 

Bilder vom heißesten Moment des Abends: Reinhold tranchiert, der Truthahn glänzt – und ich halte die Platte, damit nichts kalt wird. Unser jährliches Truthahn-Finale: kurz chaotisch, immer köstlich.


Epilog

Und irgendwann stand nur noch das Geschirr in der Küche und ein letzter Duft von Safran und Ofenwärme im Raum. Indien rückte ein Stück zurück, Deutschland ein Stück näher – und dazwischen wir, dankbar für alles, was bleibt, und für alles, was uns weiterträgt. Ein stilles Thanksgiving, ein leuchtender Novemberabend. Mehr braucht es nicht.


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Reisebloggerin 70+, digital & stilvoll – Edith mit iPad und Champagner in der Lounge

Über Edith: Sie ist 70+ und neugieriger denn je. Auf ihrem Blog
wanderlust-knows-no-age.com
schreibt sie über Reisen, Erinnerungen und das Leben dazwischen – poetisch, ehrlich und immer mit einem Augenzwinkern.
An ihrer Seite: Reinhold, unermüdlicher Navigator, ungeduldiger Ruhepol und heimlicher Hüter der Picknicktasche.
 

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