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San Diego – Zwischen Serpentinen, Seeluft und Seehunden

San Diego – Zwischen Serpentinen, Seeluft und Seehunden

Prolog – Städte mit Geduld

Manche Städte besucht man.
Andere warten.

San Diego wartet nicht laut.
Es lehnt sich zurück. Mit Meerblick.

Wir waren oft hier.
Sind über die geschwungene Coronado Bridge geglitten, haben auf Coronado Island geparkt, sind durch gepflegte Straßen geschlendert und saßen im ehrwürdigen Hotel del Coronado beim Lunch, als hätte jemand den Pazifik eigens für diesen Moment auf Hochglanz gebracht.

Und doch blieb da eine kleine Lücke.
Der Balboa Park war so ein „Irgendwann“-Ort.
Heute ist dieses Irgendwann.

Kurven, Kaffee und Charakterfragen

Der Januar zeigt sich gnädig.
Blauer Himmel über La Quinta. Diese fast schon unverschämte Klarheit.

Reinhold liebt Serpentinen.
Er fährt sie konzentriert. Präzise. Mit leicht sportlichem Ehrgeiz.

Ich hingegen liebe Kaffee.

Und Serpentinen auf nüchternen Magen sind keine gute Eheberatung.

Also: Starbucks.
Croissants.
Ein diplomatisches Frühstück zwischen Magen und Gebirge.

Der Palms to Pines Highway windet sich hinauf – Wüste, Felsen, plötzlich Kiefern.
Kulissenwechsel wie im Film. Nur echter.

Auf etwa 1500 Metern verändert sich das Licht.
Und mit ihm die Welt.
Kalifornien kann mehr als Palmen.

Manchmal darf Realität dramatisch sein.

Balboa Park – Grandezza ohne Entschuldigung

Und dann stehen wir im Balboa Park.

Ein Park?
Nein. Eine Bühne.

Arkaden. Türme. Fassaden im spanischen Kolonialstil.
Nichts hier ist zurückhaltend – und doch wirkt es nie aufdringlich.

Vor dem ikonischen Botanischen Gebäude bleiben wir stehen.
Diese filigrane Konstruktion aus Holz und Licht wirkt, als hätte jemand Transparenz gebaut.

Und dann dieser Feigenbaum.
Über hundert Jahre alt.
Seine Wurzeln greifen in die Erde wie Hände, die sagen:
Ich habe Geduld. Ihr dürft schauen.

Ich liebe Bäume. Schon immer.

Manchmal denke ich, in einem früheren Leben war ich einer – tief verwurzelt, still, beobachtend.
Gern hätte ich seine knorrige Rinde berührt. Aber ein Zaun hielt Abstand. Vielleicht aus gutem Grund.

Zu viele Berührungen schaden selbst dem Geduldigsten.

Wir schlendern. Ohne Plan. Ohne „Das müssen wir noch“.

Es gibt Tage, die füllt man. Und es gibt Orte, die füllen einen.

Nach unserem Rundgang setzen wir uns auf eine Bank. Lassen das Gesehene nachklingen.
Ich denke: Gleich geht es weiter. Noch ein Museum vielleicht. Noch ein Winkel.

Reinhold sagt: „Zwei Stunden müssen reichen. Ich habe Hunger.“

Realität ist manchmal erstaunlich bodenständig.

La Jolla – Geduld ist relativ

La Jolla – ein eleganter Küstenort nördlich von San Diego, berühmt für seine Buchten und seine Seehunde.

Meer. Eleganz. Ein Hauch gepflegter Selbstverständlichkeit.

Die Prospect Street glänzt.
Die Parkplatzsuche eher nicht.

Hier wollten wir Mittag essen. So zumindest unser Plan.

Mit Blick aufs Wasser vielleicht. Ein kleiner Tisch, ein Glas Weißwein, das Meer als Hintergrundmusik.

Reinhold fährt Runde eins.
Runde zwei.
Runde drei.

Gelassenheit ist heute kein dominierendes Gefühl.

Irgendwann finden wir eine Lücke.
Perfekt gelegen. Mit einem kleinen Detail:
Kein Restaurant in Sichtweite.

Also laufen wir.
Bis zum Children’s Pool – einer kleinen, geschützten Bucht, die ursprünglich als Badeplatz für Kinder angelegt wurde und heute vor allem eines beherbergt: Seehunde.

Sie liegen dort wie wohlhabende Rentner im Wellnessurlaub.
Kein Termindruck. Kein Parkplatzstress. Kein Hunger.

Wir hingegen: deutlich menschlicher unterwegs.

Noch zwei Runden mit dem Auto.
Parkplatz ohne Restaurant.
Restaurant ohne Parkplatz.

„Im schlimmsten Fall“, sage ich, „endet das hier mit Chicken McNuggets am Highway.“

Reinhold schweigt.
Das bedeutet: höchste Konzentration.

Cheesecake als Versöhnung

Auf gut Glück tippe ich „Cheesecake Factory“ ins Navi.

Nächste Ausfahrt.
Ein freier Tisch.
Gegrillter Lachs.
Stampfkartoffeln.
Gemüse.

Nicht romantisch.
Aber zuverlässig.

Manchmal ist Glück kein Sonnenuntergang am Pier.
Sondern etwas Warmes auf dem Teller.

Satt.
Entspannt.
Wieder im Gleichgewicht.

Der Heimweg taucht die Berge in Gold.
Und wir sind uns einig:
Auch Umwege führen ans Ziel.

Epilog – Luxus ohne Glanz

San Diego hat uns an diesem Tag nichts Spektakuläres versprochen.

Und genau deshalb war alles da.

Kurven, die wach machen.
Architektur mit Haltung.
Seehunde ohne Ehrgeiz.
Ein Fahrer mit sportlichem Ehrgefühl.
Und ein Lachs, der Frieden stiftet.

Nicht perfekt.
Nicht planbar.
Aber echt.

Vielleicht ist das der eigentliche Luxus.


Diese Reise lässt sich auch als zusammenhängende Geschichte lesen:
Kalifornischer Winter – Eine Reise zwischen Wüste und Pazifik



Reisebloggerin 70+, digital & stilvoll – Edith mit iPad und Champagner in der Lounge

Über Edith: Sie ist 70+ und neugieriger denn je. Auf ihrem Blog
wanderlust-knows-no-age.com
schreibt sie über Reisen, Erinnerungen und das Leben dazwischen – poetisch, ehrlich und immer mit einem Augenzwinkern.
An ihrer Seite: Reinhold, unermüdlicher Navigator, ungeduldiger Ruhepol und heimlicher Hüter der Picknicktasche.
 

 

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