Die Tage dazwischen – Das Licht, das bleibt
Prolog – Kein Programmpunkt
Nicht jeder Tag hier braucht ein Ziel.
Kein Nationalpark. Kein Highway. Kein „Must See“.
Zwischen Joshua Tree, Pioneertown und San Diego liegen sie – die Tage ohne Überschrift.
Die Tage, an denen scheinbar nichts passiert.
Und genau deshalb alles.
Wir sind gern unterwegs.
Aber wir lieben auch das Bleiben.
Und vielleicht spüren wir gerade deshalb, dass auch dieses Bleiben nur geliehen ist.
Wochenenden im Sonnenmodus
Wenn Lena am Wochenende aus Los Angeles kommt, verändert sich der Rhythmus.
Manchmal kommt James mit. Dann wird es voller. Jünger. Lauter. Und wärmer.
Stunden auf dem Sofa.
Gespräche, die sich Zeit nehmen.
Dazu unsere inzwischen fast rituellen Sitzungen im Nagelstudio – Mani/Pedi als generationsübergreifende Selbstverständlichkeit.
Manchmal stehen wir einfach draußen am Grill. Rauch in der Luft, Salat auf dem Teller –
und dieses leise Gefühl:
Bleibt doch noch ein bisschen.
Sonntagmorgen bummeln wir zu dritt über den Markt in Old La Quinta, bevor Lena zurück nach L.A. fährt.
Es ist unser kleines Abschiedsritual zwischen Obstständen, Blumen und Livemusik.
Dort mache ich eine neue Bekanntschaft: die Jujube.
Eine Frucht, die aussieht wie eine Dattel – aber keine ist.
Knackig im ersten Moment, dann überraschend weich.
Süß – aber nicht aufdringlich. Und gesund, heißt es.
Ich probiere – und weiß sofort: Das ist meine Entdeckung dieses Winters.
Im letzten Jahr waren es die Sumo-Mandarinen.
Offenbar finde ich hier nicht nur Licht, sondern auch Früchte mit Charakter.
Und dann gibt es da noch ein Ritual, das vor unserer Abreise aus dem Coachella Valley fast dazugehört: Frühstück bei Shields Date Garden in Indio.
Wir sitzen im Palmengarten, das Morgenlicht fällt gefiltert durch die Wedel, und ich bestelle mein inzwischen liebstes Omelett: „Date Me“.
Süße Datteln in etwas Herzhaftem. Ein bisschen überraschend. Ein bisschen mutig. Sehr Kalifornien.
Während man in Deutschland noch friert, sitzen wir hier im T-Shirt zwischen Palmen.
Sonne auf weißen Tellern.
Fast ein wenig unverschämt.
Und sehr, sehr dankbar.
Wir wissen, dass wir gerade einen Jahrhundertwinter in Norddeutschland verpassen.
Schnee. Grau. Ostwind.
Und ich sage es, wie es ist:
Es fehlt uns nicht.
Nach dem zweiten Sturm hier – dem, der Palmen umknickte und Dächer abdeckte – schrieb Lena trocken:
„Dieses Mal habt ihr aber alles mitgenommen. Erdbeben. Einen ganzen Regentag. Und jetzt noch einen Sturm.“
Ich musste lachen.
Stimmt.
Offenbar nehmen wir es hier gründlich.
Aber nach Sturm und Erdbeben liegt morgens wieder dieses Licht über dem Tal.
Ich wache auf und sehe beim ersten Blinzeln diesen kalifornischen Sonnenaufgang.
Ein Himmel, der selten zweifelt.
Palmen, die sich nicht entschuldigen.
Unser Zuhause auf Zeit – das Coachella Valley.
Wenn L.A. zu Besuch kommt, wird aus einem Ort ein Zuhause.
Reinhold und die Autos
Reinhold liebt Autos.
Er pflegt sie nicht – er zelebriert sie.
Am Mittwoch kam eine WhatsApp von Lena:
„Ich habe ein Problem – mein Auto ist schmutzig.“
Mehr musste sie nicht schreiben.
Wenn wir hier sind, bleibt ihr Wagen nicht lange staubig. Die beiden waschen, polieren, schwitzen. Es wird gefachsimpelt, begutachtet, nachgewischt.
Wasser perlt über Lack. Tücher kreisen. Konzentration wie im OP.
Ich stehe daneben, genieße die Sonne und denke:
Manche Menschen meditieren im Lotussitz.
Reinhold mit Poliertuch.
Hochdruck, Hochglanz, Hochgeschwindigkeit Richtung L.A.
Reinhold und die Entscheidung
Lange hat er überlegt.
„Mach ich’s oder mach ich’s nicht.“
Der Auslöser kam aus heiterem Himmel.
Beim Bummel in Palm Springs rief ihm ein junger Mann, der vor einem Geschäft Werbegeschenke verteilte, zu:
„I like your hair, it’s so shiny.“
Komplimente können Schicksal sein.
Kurz darauf saß Reinhold beim Frisör.
Manche Entscheidungen wachsen leise – und brauchen nur ein einziges Wort, um Wirklichkeit zu werden.
Er kam mit neuem Haarschnitt zurück – und mit durchnässtem Oberkörper.
Die Frisörin zuckte die Schultern. Reinhold wechselte das Shirt.
Manchmal braucht es keinen Nationalpark.
Manchmal reicht ein Satz auf der Straße.
40 Bahnen und ein gelber Schnorchel
Der Pool ist meine tägliche Routine. Vierzig Bahnen. Jeden Tag. Danach der heiße Jacuzzi.
Kraulen habe ich nie gelernt. Es sieht so elegant aus, wenn jemand durchs Wasser schneidet.
Ich dagegen ziehe meine Bahnen wie ich bin – rhythmisch, beharrlich, ohne jede olympische Ambition.
Meist sind wir allein im Wasser.
Manchmal marschiert rechts neben mir ein älterer Herr Bahn für Bahn durchs Becken. Knieprobleme, erklärt er später. Perfekte Physiotherapie.
Links eine Dame mit Schnorchel und Flossen. Sie stellt ihre Fitnessuhr ein – und verschwindet. Nicht sie selbst. Nur ihr Körper unter Wasser.
Über ihr treibt lediglich ein gelber Schnorchel.
Drei Menschen im selben Pool.
Jeder in seiner eigenen Welt.
Kalifornien ist auch das.
Und langweilig wird es nie.
Starbucks, Soy Cappuccino venti
Im Ralph’s-Supermarkt am Eingang steht der Starbucks-Stand.
Inzwischen kennt man Reinhold dort.
Er kauft zuerst im Supermarkt sein Baguette. Zahlt.
Und wenn er wieder am Starbucks vorbeikommt, steht der Soy Cappuccino venti schon bereit.
Ohne Bestellung.
Ohne Nachfrage.
Ein kleines Zeichen dafür, dass wir hier nicht nur durchreisen.
Abende in Puerta Azul
Abends spazieren wir durch die Anlage Puerta Azul.
Die Sonne sinkt langsam hinter die Berge. Die Silhouetten werden dunkler, größer, beinahe monumental.
Es ist ein Panorama, das nie gleich aussieht.
Und doch immer vertraut bleibt.
Manchmal bleibe ich stehen.
Nicht, um ein Foto zu machen.
Sondern um mir diesen Moment einzuprägen.
Epilog – Das Licht dazwischen
Zwischen all den Ausflügen, Geschichten und kleinen Abenteuern liegt dieses Licht.
Es drängt sich nicht auf.
Es begleitet.
Vielleicht ist es genau das, was diese Wochen hier ausmacht:
nicht das Spektakuläre,
sondern das Dazwischen.
Die Tage ohne Schlagzeile.
Die Stunden ohne Plan.
Das Leben, das einfach geschieht.
Als wolle das Tal sicherstellen, dass wir es nicht vergessen, dreht der Wettergott in den letzten Tagen noch einmal auf.
Die Temperaturen klettern. Für diese Jahreszeit fallen Rekorde.
Die Sonne gibt alles.
Die Tage fühlen sich an wie Juni.
Die Hitze liegt über dem Tal wie eine Zugabe.
Das Coachella Valley verabschiedet sich nicht leise.
Es leuchtet.
Bald ziehen wir weiter.
Sedona. Roter Staub. Andere Weite. Anderes Licht.
Doch etwas von diesem kalifornischen Morgenblau wird mitreisen.
Und vielleicht ist genau das die größte Reise:
nicht der Ortswechsel,
sondern das, was bleibt.
Die gesamte Reise als eine Geschichte:
Kalifornischer Winter – Eine Reise zwischen Wüste und Pazifik
wanderlust-knows-no-age.com
schreibt sie über Reisen, Erinnerungen und das Leben dazwischen – poetisch, ehrlich und immer mit einem Augenzwinkern.
An ihrer Seite: Reinhold, unermüdlicher Navigator, ungeduldiger Ruhepol und heimlicher Hüter der Picknicktasche.
