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Sieben Shirts? Ernsthaft?

Sieben Shirts? Ernsthaft?

Sieben Shirts und andere unrealistische Lebenskonzepte


Die Sache mit den sieben Shirts

Manchmal beginnt ein ganz normaler Tag mit einer Erkenntnis, die einen kurz am eigenen Verstand zweifeln lässt.

In meinem Fall war es ein Telefonat mit Inge.

Wir plauderten über dies und das, als sie plötzlich sagte, sie habe gelesen, dass eine Frau eigentlich nur sieben Shirts im Kleiderschrank brauche.

Sieben.

Nicht siebzehn.

Nicht siebenundzwanzig.

Sieben.

Ich war sprachlos.

„Kommst du damit aus?“, fragte ich.

„Ich?“, sagte Inge. „Was hat das denn mit mir zu tun?“

Genau.

Nun lebe ich in Norddeutschland. Hier gibt es nicht nur Sommer und Winter, sondern sämtliche Wetterlagen dazwischen – manchmal sogar am selben Tag.

Wie soll man da mit sieben Shirts auskommen?

Und überhaupt:

Was genau zählt als Shirt?

Zählen Blusen?

Pullover?

Sweater?

Tops?

Longsleeves?

Nach kurzer Überlegung beschloss ich, großzügig zu sein und alles als Oberbekleidung zu werten.

Inge, die mir die Theorie mit den sieben Shirts erzählte. Dass sie selbst jahrelang Mode präsentierte, erklärt vielleicht, warum wir beide dieser Idee mit einer gewissen Skepsis begegnen.


Die Inventur

Neugierig geworden, stand ich nach dem Telefonat vor meinem Kleiderschrank und begann zu zählen.

Das Ergebnis war …

nun ja …

68.

Achtundsechzig Oberteile.

Früher dachte ich, im Alter würde man automatisch vernünftiger werden.

Heute weiß ich:

Man wird älter.

Vernünftig ist etwas völlig anderes.

Und dann wäre da noch Mike.

Mike arbeitet in unserer Lieblingsboutique in Berlin und versteht sein Handwerk.

Sollten wir es einmal nicht schaffen, zu Saisonbeginn persönlich vorbeizuschauen, stellt er eine Auswahl zusammen und schickt sie zu mir nach Hause.

Bisher war immer etwas dabei.

Was natürlich erklären könnte, warum die Zahl 68 nicht kleiner wird.


Die Sache mit dem Cashmere

Nun könnte man natürlich argumentieren, dass 68 Oberteile ein Ausnahmefall sind.

Eine statistische Auffälligkeit.

Ein bedauerlicher Einzelfall.

Leider spricht einiges dagegen.

Zum Beispiel das Cashmere-Geschäft in Timmendorfer Strand.

Auf unseren Cabrio-Runden kommen wir regelmäßig daran vorbei, was für meine Bemühungen um Minimalismus ungefähr so hilfreich ist wie eine Konditorei für eine Diät.

Neulich lagen dort drei Cashmere-Shirts im Schaufenster.

Eines in Himbeerrot.

Eines in Hellblau.

Eines in Creme.

Weich.

Elegant.

Perfekt.

Ich betrachtete die Shirts.

Und stellte fest, dass ich mich unmöglich entscheiden konnte.

Also betrachtete ich Reinhold.

In der Hoffnung auf Vernunft.

Auf Zurückhaltung.

Auf einen Menschen, der sagt:

„Eines reicht doch.“

Stattdessen sagte er, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken:

„Nimm alle drei.“

Alle drei.

Ich meine: Wie soll man unter solchen Bedingungen jemals auf sieben Shirts kommen?

Manche Menschen bremsen die Versuchung aus.

Reinhold parkt direkt davor.

Ich glaube langsam, die Minimalisten haben bei ihren Berechnungen die Variable Reinhold nicht berücksichtigt.


Die Sache mit der Wendejacke

Und als wäre das alles nicht genug, gibt es da noch die Geschichte mit der Wendejacke.

Im vergangenen Winter standen wir bei 40 Grad in La Quinta in Kalifornien in einer Boutique namens Le Chateau und betrachteten eine wind- und wasserdichte Wendejacke.

Die Jacke gefiel mir sofort.

Reinhold stellte die Frage, die vermutlich jedem durch den Kopf geht, der gerade in Shorts und Flip-Flops durch die flirrend heiße Altstadt von La Quinta bummelt:

„Wer kauft in der Wüste eigentlich Wetterjacken?“

Die Verkäuferin musste lachen.

„Die Einheimischen nicht“, sagte sie. „Wenn es hier einmal regnet, gehen wir nach draußen und tanzen im Regen.“

Das erschien uns durchaus plausibel.

Die Jacke gefiel mir trotzdem.

Und Reinhold dachte bereits weiter.

Genauer gesagt: bis nach Schleswig-Holstein.

Natürlich kam die Jacke mit nach Deutschland.

Heute gehört sie zu meinen Lieblingsstücken.

Wann immer Wind, Regen oder norddeutsche Wetterkapriolen auftauchen, denke ich kurz an die Verkäuferin in Kalifornien.

Und daran, dass Reinhold wieder einmal recht hatte.

Was für meine Garderobe leider ebenso unerquicklich ist wie für meine Versuche, auf sieben Shirts zu kommen.

La Quinta, Kalifornien. 40 Grad. Die Verkäuferin hatte recht. Mit dem Regen. Reinhold mit der Jacke.


Der Versuch, vernünftig zu werden

Die Sache mit den sieben Shirts ließ mir keine Ruhe.

Also suchte ich die Quelle, auf die Inge sich bezogen hatte.

Und tatsächlich: Sieben war die magische Zahl.

Allerdings bezogen auf manche Minimalismus-Konzepte.

Die Idee dahinter ist einfach: weniger Entscheidungen, weniger Ballast, mehr Übersicht.

Das klingt vernünftig.

Fast schon zu vernünftig.

Mit den Ratschlägen der Minimalisten im Kopf begann ich, meinen Kleiderschrank kritisch zu betrachten.

Alles, was man lange nicht getragen hat?

Weg damit.

Alles, was keine Freude mehr macht?

Auch weg.

Ich schob Kleiderbügel von links nach rechts und wieder zurück.

Öffnete Schubladen.

Sortierte Fächer.

Dachte nach.

Legte zurück.

Dachte erneut nach.


Das Ergebnis

Am Ende trennte ich mich von zwei Oberteilen.

Zwei.

Aus 68 wurden 66.

Die Minimalisten würden vermutlich den Kopf schütteln.

Reinhold fand die Ausbeute völlig angemessen.

Und ich?

Ich habe beschlossen, die Sache mit den sieben Shirts vorerst nicht weiterzuverfolgen.

Man muss schließlich realistische Ziele haben.

Vielleicht schaffe ich irgendwann 65.

Aber sieben?

Nicht einmal dann, wenn das Cashmere-Geschäft schließt.

Die gute Nachricht: Ich habe gezählt. Die schlechte auch. Und nein, die Lochpullover stehen nicht zur Diskussion.

 

Mehr Gedanken aus der Reihe „Das Leben dazwischen“ findest du hier



Reisebloggerin 70+, digital & stilvoll – Edith mit iPad und Champagner in der Lounge

Über Edith: Mit Neugier, Ehrlichkeit und einer Prise Humor schreibt sie über Reisen, Familie, Erinnerungen und die kleinen Momente, aus denen oft die schönsten Geschichten entstehen.

Auf wanderlust-knows-no-age.com teilt sie ihre Sicht auf die Welt – persönlich, ehrlich und mit einem Augenzwinkern.

An ihrer Seite: Reinhold, unermüdlicher Navigator, gelegentliche Stimme der Vernunft und treuer Begleiter auf nahen und fernen Wegen. Gemeinsam haben sie gelernt, dass die schönsten Reisen nicht in Kilometern gemessen werden, sondern in Erinnerungen.

Auf Instagram teilt Edith außerdem kleine Reiseeindrücke und Momente aus dem Leben dazwischen: @edivo2017.

 

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