Die Brücke war immer noch da
Manche Orte besucht man einmal.
Andere tauchen im Leben immer wieder auf.
San Francisco gehört für uns zur zweiten Sorte.
Wann immer ich ein Foto von San Francisco auf Facebook poste, meldet sich unser Freund Željko mit beinahe zuverlässiger Regelmäßigkeit:
„Für mich die schönste Stadt der Welt.“
Darüber lässt sich natürlich streiten.
Schönheit liegt bekanntlich nicht nur im Auge des Betrachters, sondern manchmal auch im richtigen Licht, im richtigen Moment – und vermutlich ein wenig in der Erinnerung.
Aber eines muss man San Francisco lassen:
Die Stadt lässt einen nicht so leicht los.
Ende der Neunzigerjahre waren wir gemeinsam mit meinem Vater und seiner Frau Annemarie hier. Sie hatte Geburtstag, und wir feierten ihn bei einem wunderbaren Dinner an Fisherman’s Wharf.
2014 kamen wir mit Lena zurück. Im Ritz-Carlton saßen wir vor dem Fernseher und sahen Deutschland im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Argentinien gewinnen.
Nicht unbedingt das Erste, was einem zu San Francisco einfällt.
Aber Erinnerungen halten sich bekanntlich selten an Reiseführer.
Und Jahre später waren wir wieder da.
Mit Lena in San Francisco – und immer wieder diese Brücke.
—
Eine Nacht in Sausalito
Diesmal sollte uns das Gables Inn in Sausalito beherbergen, das älteste Hotel der Stadt.
Historisch.
Charmant.
Direkt am Wasser.
Zumindest auf dem Papier klang das vielversprechend.
Reinhold war bereits nach kurzer Zeit weniger überzeugt.
Das Haus war derart hellhörig, dass sich das Rauschen des Wassers in der Dusche über uns anhörte, als hätte jemand den Stöpsel unter der Golden Gate Bridge gezogen und der gesamte Pazifik würde sich jeden Augenblick in unser Zimmer ergießen.
Damit hätten wir vermutlich noch leben können.
Schwieriger war ein permanentes lautes Klacken, dessen Ursprung sich nicht feststellen ließ und das offenbar fest entschlossen war, uns durch die Nacht zu begleiten.
Irgendwann gab Reinhold auf und ging zur Rezeption.
Ob man vielleicht wisse, woher dieses Geräusch komme?
Und ob man es eventuell abstellen könne?
Die junge Frau wusste es nicht.
Dafür wusste sie etwas anderes.
Hätten wir mehr Geld für ein Zimmer ausgegeben, erklärte sie ihm ziemlich lakonisch, hätten wir wahrscheinlich ein anderes bekommen.
Vermutlich eines ohne Klacken.
Hier war der Gast wahrlich König.
Wir schliefen schlecht.
—
Manche Menschen retten einen Morgen
Am nächsten Tag sah die Welt schon wieder freundlicher aus.
Beim Frühstück saß am Nebentisch ein älteres Ehepaar aus San Diego. Aus einem kurzen Gruß entwickelte sich eines jener Gespräche, die auf Reisen manchmal aus dem Nichts entstehen.
Über Reisen.
Über Europa.
Über Amerika.
Über Gott und die Welt.
Wir kannten weder ihre Namen noch ihre Geschichte, und wahrscheinlich würden wir uns nie wiedersehen.
Aber für eine Weile saßen vier Menschen gemeinsam in einem Frühstücksraum in Sausalito und hatten sich etwas zu erzählen.
Manchmal reicht das.
Auch an der Rezeption hatte die Nacht offenbar einen Personalwechsel bewirkt.
Der Mann, der nun Dienst hatte, war ausgesprochen freundlich. Er half uns bei der Bezahlung der Maut für die Golden Gate Bridge und erklärte geduldig einen alternativen Weg zu einem Aussichtspunkt, weil die uns bekannte Straße gesperrt war.
Und so machten wir uns auf den Weg.
Zu einer Brücke, die wir längst kannten.
Vertraute Bilder. Gemeinsame Erinnerungen.
—
Und trotzdem steht man wieder da
Es gibt Sehenswürdigkeiten, die man einmal gesehen hat.
Haken dran.
Foto gemacht.
Weiter.
Die Golden Gate Bridge gehört für uns nicht dazu.
Wir waren schon mehrmals hier, und trotzdem können wir uns ihrer Wirkung nicht entziehen.
Vielleicht liegt es an ihrer Größe.
An diesem Rot vor dem Blau des Pazifiks.
Am Nebel, der manchmal Teile von ihr verschwinden lässt.
Oder daran, dass sie dort seit 1937 steht und aussieht, als hätte jemand beschlossen, zwei Welten miteinander zu verbinden.
Wir standen also wieder da.
Und natürlich dauerte es nicht lange, bis wir ins Gespräch kamen.
Diesmal mit einem Mann, den wir zunächst für einen Amerikaner hielten.
Er gab Reinhold den zweifelhaften Rat, für ein Foto sicherheitshalber zuerst mich über die Balustrade steigen zu lassen. Wenn ich nicht unmittelbar in den Abgrund stürzte, könne Reinhold ja nachkommen.
Na wunderbar.
Der Mann hatte Humor.
Und war Kanadier.
Darauf legte er Wert.
Überhaupt machte er aus seinem Herzen keine Mördergrube. Das Schicksal, erzählte er uns, habe ihn nämlich schwer getroffen.
Seine Tochter würde in wenigen Wochen heiraten.
Einen Amerikaner.
Kurze Pause.
Einen Amerikaner aus Tennessee.
Unser Mitleid hielt sich in Grenzen.
—
Drei Meilen bergab
Nach den vielen Stunden und Tagen im Auto freuten wir uns über Bewegung.
Also liefen wir los.
Knapp drei Kilometer bergab, durch einen schattigen Eukalyptuswald, die Golden Gate Bridge immer wieder zwischen den Bäumen im Blick.
Die Luft roch nach Meer und frisch gesägtem Holz.
Es war still.
Kaum vorstellbar, dass sich hier in den Sommermonaten Menschenmassen bewegen.
An diesem Tag gehörte der Weg fast uns allein.
Je weiter wir hinunterkamen, desto gewaltiger erschien die Brücke.
Und irgendwann standen wir einfach da.
Kein Programmpunkt.
Keine Sehenswürdigkeit, die noch „abgehakt“ werden musste.
Nur dieser Blick.
Der Wind.
Das Meer.
Und diese Brücke.
Wir wussten natürlich auch um ihre andere Geschichte. Darum, dass dieses wunderschöne Bauwerk für viele Menschen zum Ort tiefster Verzweiflung geworden ist.
Vielleicht schaut man deshalb irgendwann anders auf sie.
Nicht weniger staunend.
Aber stiller.
Von hier unten wirkt sie noch ein bisschen größer.
—
Die Brücke war immer noch da
Während wir dort standen, musste ich daran denken, wie oft wir schon in San Francisco gewesen waren.
Ende der Neunziger mit meinem Vater und Annemarie.
Annemaries Geburtstag.
Das Dinner an Fisherman’s Wharf.
Jahre später mit Lena.
Fußball-Weltmeisterschaft im Ritz-Carlton.
Und nun standen Reinhold und ich wieder hier.
Dazwischen lagen Jahrzehnte.
Reisen.
Abschiede.
Menschen, die nicht mehr da sind.
Und ein Leben, das weitergegangen war, ohne uns vorher zu fragen, wohin.
San Francisco hatte sich verändert.
Wir hatten uns verändert.
Aber die Brücke war immer noch da.
Vielleicht kehren wir deshalb so gern an manche Orte zurück.
Nicht um zu sehen, ob sie noch genauso aussehen wie früher.
Sondern um für einen Augenblick zu spüren, wie wir damals waren.
Und wie wir inzwischen geworden sind.
Dann machten wir uns auf den Rückweg.
Drei Kilometer.
Bergauf.
Man kann schließlich nicht ewig über das Leben nachdenken.
Sie war immer noch da.
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Über Edith: Mit Neugier, Ehrlichkeit und einer Prise Humor schreibt sie über Reisen, Familie, Erinnerungen und die kleinen Momente, aus denen oft die schönsten Geschichten entstehen.
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An ihrer Seite: Reinhold, unermüdlicher Navigator, gelegentliche Stimme der Vernunft und treuer Begleiter auf nahen und fernen Wegen. Gemeinsam haben sie gelernt, dass die schönsten Reisen nicht in Kilometern gemessen werden, sondern in Erinnerungen.
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