Gegen Zielsetzungen ist nichts einzuwenden, sofern man sich dadurch nicht von interessanten Umwegen abhalten lässt.
– MARK TWAIN
🚗 Auf dem Weg in die Toskana
Wir wollen an die Côte d’Azur. Mit dem Auto, der Sonne entgegen, dem Sommer auf den Fersen. Doch bei so viel Strecke ist klar: Der Weg ist das Ziel. Warum also nicht kurz vorher nach links abbiegen – ein kleiner Hupfer nur, hinein in unbekanntes Terrain: die Toskana.
Schon unterwegs ahnen wir: Dieser Weg ist mehr als eine Strecke. Er ist ein Versprechen. Auf Licht in flüssigem Gold, auf Hügel wie gemalt, auf Oliven, Zypressen – und das Glück im Dazwischen.
Die Straßen werden sanfter, das Grün weicher, der Himmel weiter. Und wir? Wir werden langsamer. Nicht nur im Tempo. Auch im Kopf.
🛏️ Telfs & Sirmione – Auftakt mit Stil

Die erste Nacht verbringen wir in Telfs, Tirol – im Nidum Casual Luxury Hotel. Ein Ort, der sich nicht aufdrängt, sondern sich einfach fügt: in die Landschaft, in unsere Stimmung, in dieses beginnende Unterwegssein.
Am Abend sitzen wir auf der Terrasse, die Berge wie ein stilles Bühnenbild vor uns, und genießen ein Essen, das nicht spektakulär sein muss, um zu wirken. Der Blick – ein Gedicht.
Am nächsten Morgen dann weiter Richtung Süden.
🚗 Sirmione – Schönheit in einem Gewirr von Gassen

„Sirmione. Ein Name wie Musik – und doch eine Herausforderung auf vier Rädern.“
Die Gassen? Zu eng, zu voll, zu falsch beschildert. Zurück geht nicht, also drücken wir uns vorwärts – wie in einem Arthouse-Film: Handlung unklar, aber das Setting ist bezaubernd.
Ich ziehe den Kopf ein, veranstalte ein ordentliches Gezetere, während Reinhold mit stoischer Ruhe und offenen Augen durchmanövriert. Puh. Und irgendwann – gegen alle Wahrscheinlichkeiten – sind wir durch. Ohne Schrammen, aber mit erhöhtem Puls.
„Villa Cortine – ein Ort wie aus der Zeit gefallen. Und ein leiser Akkord im goldenen Licht.“
⛪ Sant’Anna in Camprena – ein Ort zum Innehalten
Vier Stunden später erreichen wir einen Ort, der kein Reiseziel ist, sondern ein Innehalten:
Sant’Anna in Camprena, ein ehemaliges Kloster bei Pienza.
Warum ein Kloster? Weil es Zeiten im Leben gibt, in denen man nicht konsumieren, sondern spüren will.
Dankbar sein. Atmen.
Und manchmal braucht es dafür Mauern, die schweigen – und Räume, die tragen.
Hier, wo einst der „Englische Patient“ gedreht wurde, stehen wir inmitten der stillen Schönheit der Crete Senesi.
Zypressen. Olivenbäume. Und eine Stille, die nicht leer, sondern erfüllt ist.
Heute beherbergt das Kloster ein Agriturismo. Schlicht, ja. Aber würdevoll.
Wir streifen durch endlose Flure, berühren groben Putz, treten ein in eine kleine Kapelle – leer, aber nicht leblos.
Im Innenhof wächst wilder Thymian. Und vom alten Friedhof fällt unser Blick weit ins Tal – ein Blick, der innehalten lässt.
“Sant‘Anna – stille Würde, zwischen Himmel, Zypressen und Erinnerung.“
🖼️ Asciano – ein Zwischenhalt für Seele und Sinne
Wir bummeln durch Asciano, ein stilles Juwel mitten in den Crete Senesi. Kein Rummel, keine Hast – nur der warme Stein unter den Füßen, ein paar Schritte durch enge Gassen, einladende Schatten.
Im Zentrum erhebt sich ein Palast mit nüchterner Fassade – und überraschendem Reichtum. Im Inneren: ein Museum, das uns berührt. Archäologische Funde aus der Zeit der Etrusker, Spuren der Geschichte, die fast verschwunden waren – und nun leise zu uns sprechen. Auf einer weiteren Etage: sakrale Kunst aus der Umgebung. Schlicht, still, eindringlich.
Wir lieben solche Orte – weil sie unserer Seele guttun. Weil sie erinnern, erzählen, bewahren.
Danach ruhen wir uns in einem kleinen Café aus. Ein Espresso, ein Blick ins Licht, ein kurzer Moment von: genau richtig.
🧀 Pienza – Käse, Gassen, Glück
Pienza, das Herz des Val d’Orcia, liegt wie ein Versmaß aus Stein auf einem Hügel – ein Ort, der nicht gebaut, sondern komponiert scheint.
Zwischen Gassen, die nach Lavendel und Geschichte duften, spazieren wir ohne Ziel, aber mit offenem Blick.
Die Piazza Dante Alighieri empfängt uns mit warmem Licht und einem Klangteppich aus Stimmen, Schuhsohlen und Kirchenglocken.
Wir folgen der Stadtmauer, entdecken eine kleine Steinkirche, setzen uns auf eine sonnenwarme Bank – und staunen über das Panorama: Weinberge, Zypressenalleen, alte Höfe, wie hingetuscht von einer sanften Hand.
Ein Torbogen führt in die Altstadt. Links Käse, rechts Leder. Türen mit klopfenden Griffen, Blumen in Töpfen, Girlanden aus Wäsche.
Und mittendrin wir – neugierig, genießend, leicht verzaubert.
Natürlich probieren wir Käse. Pienza ohne Pecorino wäre wie Toskana ohne Licht.
Ein milder Pecorino, eine Salami mit Charakter – mehr braucht es nicht für ein kulinarisches Stillleben.
Ein schattiger Platz, ein Glas Spritz, das Murmeln der Straße: dolce far niente in Reinform.

„Pienza auf dem Teller – ein kulinarisches Stillleben mit Charakter.“
🏛️ Pitigliano – Stadt auf Stein

„Pitigliano – gebaut aus Stein, Geschichte und Gravitas.“
Wie aus dem Fels geboren liegt Pitigliano auf einem 300 Meter hohen Tuffsteinfelsen – monumental, eindrucksvoll. Wir fragen uns kurz, wo man da eigentlich hineinkommt. Alles scheint wie aus einem Guss.
Auf der Piazza della Repubblica der elegante Brunnen Fontana delle Sette Cannelle, daneben der wuchtige Palazzo Orsini – einst Verteidigungsanlage, später Bischofssitz. Die Medici hatten hier auch ihre Finger im Spiel.
Wir durchstreifen die Stadt mit Ehrfurcht. Die Vergangenheit scheint spürbar.
Die Menschen begegnen uns mit leiser Freundlichkeit. Kein Überschwang, aber Herzenswärme – wenn man sich respektvoll benimmt.
Und dann gab’s da noch den Fisch.
Ich bestelle im Restaurant „Pesce“ – der Kellner fragt freundlich, ob er ihn mir essfertig zubereiten solle.
Natürlich, sage ich. Was dann folgt, ist eine kleine Performance mit Gräten, Gabel und Geduld.
Reinhold wirft schon nervöse Blicke auf seine Penne – denn mein Fisch will und will sich nicht ergeben.
Als er endlich zurückkommt, ist das Rückgrat draußen – und das Filet … sagen wir: freigelegt. Ein wenig zerrupft vielleicht, aber köstlich.
Bis heute sagen wir: „Weißt du noch? Der Fisch von Pitigliano …“
Und schütteln den Kopf – liebevoll, leicht ungläubig.

„Der Fisch von Pitigliano – serviert ohne Rückgrat, aber mit Geschichte.“
🍷 Die Toskana
Sie ist keine Bella Donna mit wehendem Haar und rotem Kleid. Sie ist eher die mit Tiefe. Die mit Charakter. Pittoresk, eigenwillig, voller Lebenserfahrung.
Sie verführt nicht mit Lautstärke, sondern mit Poesie. Mit Lichtspielen über Hügeln, mit Wind, der durch Olivenbäume flüstert. Mit Straßen, die sich winden wie Erinnerungen.
Viele haben ihr Herz an sie verloren. Wir jetzt auch.
Ciao, bella Toscana.
„Wenn Landschaft zu Lyrik wird – ein letzter Blick über das Val d’Orcia.“
🌿 Von der Stille zurück ins Licht – auf nach Nizza
Nach Tagen der inneren Einkehr, nach stillen Gängen unter Zypressen und durch Klosterhöfe voller Geschichten, spüren wir es: Jetzt darf wieder Meer ins Spiel.
Leben. Farben. Leichtigkeit.
Wir nehmen Abschied von der Toskana – nicht ohne ein letztes Zögern – und lenken den Wagen Richtung Süden.
Ein paar Stunden später liegt sie vor uns: Nizza. Azurblau und altvertraut. Ein Gegenpol. Und vielleicht genau das, was wir jetzt brauchen.
➡️ Nizza. Die Perle an der Côte d’Azur

Über die Autorin: Edith ist 70+, neugierig auf das Leben und liebt es, zwischen Roadtrips und Familienbesuchen über das große Ganze nachzudenken. Auf ihrem Blog wanderlust-knows-no-age.com erzählt sie mit Stil, Seele und einem Hauch Selbstironie von Momenten, die zählen.