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Mein Freund, der Baum

 

Mein Freund, der Baum

 

Prolog – Eine Übung in Stille

Es begann unscheinbar, an einem stillen Tag während eines Meditationsseminars. Wir standen schweigend im Raum, die Augen geschlossen, der Atem fließend.
Die Aufgabe klang einfach: „Stellt euch einen Baum vor.“Wurzeln, die tief in die Erde greifen. Kronen, die dem Himmel entgegenwachsen.
Und plötzlich war er da – mein Baum. Ich lehnte mich an ihn, und er zog mich empor, ließ mich wachsen. Nicht in Zentimetern, sondern in Welten.Am nächsten Tag sprach mich die Seminarleiterin an: „Na, Edith, wie ging es dir bei der Baumübung?“
Ich erzählte es ihr. Sie lächelte und sagte nur: „Das hat man deutlich gesehen – du wurdest immer größer.“

Stiller Rückzugsort im Wald – hier durfte ich wachsen wie ein Baum.

Der erste Baum

„Bäume geben den Seelen der Menschen Frieden.“
– Nora Waln

Meine erste bewusste Begegnung mit einem Baum war eine unheimliche. Es war nicht draußen im Garten, sondern im Fernsehen: Der Tod im Apfelbaum.
In dieser Geschichte fesselt ein Großvater den Tod in einem Apfelbaum, um seinen Enkel zu retten. Doch je länger der Tod gebunden bleibt, desto größer wird das Leid, bis er schließlich wieder freikommt.

Ich war acht oder neun. Was mich traf, war nicht die Moral, sondern das Bild: der Tod, schwarz und reglos, hockend zwischen den Ästen. Nachts lag ich wach, sah ihn immer wieder vor mir – und Apfelbäume waren mir plötzlich unheimlich.

Später aber wich die Angst. Ich wurde zum Landei, das Bäume liebt und das Grün braucht, weil es meiner Seele guttut.

Ein grünes Dach, ein lebendiger Dom – die Buche als schützende Kathedrale.

Wurzeln & Kronen

Seit jener Meditations-Übung schaue ich Bäume mit anderen Augen an. Sie sind mehr als Landschaft, mehr als Dekor.
Ihre Wurzeln erzählen von Halt und Zuhause, ihre Kronen vom Aufbruch und von der Sehnsucht nach Licht.

Vielleicht liebe ich sie deshalb so sehr. Ich bleibe stehen vor alten Buchen, lege die Hand auf ihre Rinde, als grüße ich einen alten Freund.

Und doch frage ich mich: Was berührt uns so tief an Bäumen? Ihre Beständigkeit im Chaos? Ihre stille Kraft, Leben aus Erde zu schöpfen? Oder die Tatsache, dass unser eigenes Überleben untrennbar mit ihnen verbunden ist?

Tukaram Maharaj sagte:
“Bäume sind unsere Freunde, unsere Beschützer. Ohne sie ist Leben undenkbar.“

Angkor – wo Wurzeln Tempel umarmen und Geschichte neu schreiben.

Reisebilder

Wo immer wir reisen, treffe ich auf Bäume, die mir Geschichten zuflüstern.

Manche Bäume sind Kathedralen. Im kalifornischen Redwood Forest fühlte ich mich winzig – und zugleich geborgen.
Andere sind silbrig-knorrige Oliven in der Toskana, deren Blätter das Licht der Jahrhunderte spiegeln.

Jeder Baum ist ein Erzähler: in Jahresringen, in Narben, in seiner stillen Würde.

 

Wächter der Zeit – Redwoods, die uns Demut lehren.

Doch manchmal begegnet man Bäumen, die längst tot sind – und dennoch weiterleben. In Australien trafen wir auf abgestorbene Stämme, die in kräftigem Blau leuchteten. Das Blue Tree Project verwandelt sie in Mahnmale – sichtbar für jene, die unsichtbare Wunden tragen.

Bäume ohne Blätter, aber mit Botschaft: dass Hoffnung selbst aus Stille erwachsen kann.

Ein toter Baum, der in Blau weiterlebt – stille Stimme des Blue Tree Project.

 

Die Bräutigamseiche

Im Dodauer Forst bei Eutin steht ein Baum mit eigener Postanschrift: die Bräutigamseiche. Seit über hundert Jahren werfen Liebende Briefe in ihre Asthöhle. Die Post legt sie hinein, und wer mag, darf antworten.

So sind Paare zusammengekommen, Ehen geschlossen, Geschichten entstanden, die keiner mehr zählen kann. Manche sprechen von über hundert Brautpaaren.

Ein Baum als Kuppler – romantischer geht es kaum. Und während heute Apps regieren, erinnert die Bräutigamseiche daran: Liebe darf auch zufällig geschehen. Manchmal bewegt ein Brief im Astloch mehr als tausend digitale Nachrichten.

Die Bräutigamseiche – seit über hundert Jahren ein Postkasten der Liebe.

Vielleicht war ich einmal ein Baum

Manchmal frage ich mich: War ich in einem anderen Leben ein Baum? Verwurzelt und frei, still und voller Leben. Vielleicht erklärt das, warum ich im Wald oft spüre: Hier bin ich unter Brüdern und Schwestern.

Und wenn nicht – dann vielleicht im nächsten Leben. Irgendwo im Humboldt Forest, hoch, ruhig, stark. Ein Baum unter Bäumen.

Himmelwärts – die Redwoods singen ihr Lied von Größe und Demut.

Schlussakkord

Olympic National Park – Moos wie Schleier, stille Wasser, Wurzeln wie Finger in der Erde.

Mein Freund, der Baum – er kennt keine Hast. Er lebt im Rhythmus der Jahreszeiten. Blätter treiben aus, fallen, welken – und doch bleibt er.

Von ihm lerne ich, dass wir Wurzeln brauchen, die uns halten. Und Kronen, die uns wachsen lassen.

Darum fühle ich mich im Schatten von Bäumen so zuhause.

Vielleicht ist das das größte Geschenk der Bäume: uns Stillstand und Werden zugleich zu lehren.

„Für mich sind Bäume immer die eindringlichsten Prediger gewesen. Ich verehre sie, wenn sie in Völkern und Geschlechtern leben, in Wäldern und Hainen. Und noch mehr verehre ich sie, wenn sie einzeln dastehen.“
– Hermann Hesse

 

Mehr Gedanken aus der Reihe „Das Leben dazwischen“ findest du hier. 

Reisebloggerin 70+, digital & stilvoll – Edith mit iPad und Champagner in der Lounge

Über die Autorin: Edith ist 70+, neugierig auf das Leben und liebt es, zwischen Roadtrips und Familienbesuchen über das große Ganze nachzudenken. Auf ihrem Blog wanderlust-knows-no-age.com erzählt sie mit Stil, Seele und einem Hauch Selbstironie von Momenten, die zählen.

 

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