Die Zugfahrt nach Nirgendwo

Direkt? Wäre ja zu einfach.
Prolog: Liebe, Sehnsucht, Fahrplan
Es war alles so schön gedacht. Reinhold kam aus Detroit zurück, ich aus Radolfzell. Treffpunkt: München – ein romantisches Wiedersehen, ein Wochenende zu zweit. Er mit dem Flugzeug, ich mit dem Zug. Wir wollten uns in die Arme fallen, als hätte jemand den Film längst fertiggeschrieben.
Nur – mein Film wurde eher eine Komödie. Genauer gesagt: eine schwarze Bahnkomödie.
Szene 1: Der falsche Zug
In Radolfzell stieg ich ein. Zwar wunderte ich mich, dass der Zug etliche Minuten zu früh einfuhr – doch der Schaffner versicherte mir: „Alles in Ordnung.“ Also hinein ins Abenteuer.
Viele Stationen später, mit einer neuen Schaffnerin im Abteil, kam die bittere Wahrheit ans Licht:
„Sie sitzen im Zug nach Karlsruhe.“
Karlsruhe? Ich wollte doch nach München!
„Wenn man in den falschen Zug eingestiegen ist, nützt es nichts, im Gang in die entgegengesetzte Richtung zu laufen.“
– Dietrich Bonhoeffer
Szene 2: Sitzenbleiben!
Panik. „Ich muss hier raus – sofort – oder zumindest am nächsten Bahnhof!“ rief ich. Doch die Schaffnerin lächelte nur mild:
„Das nützt Ihnen nichts. Da kommen Sie heute nicht mehr weg. Sitzenbleiben.“
Sitzenbleiben! Ein Wort wie ein Urteil. Und so saß ich fest – in einem Zug, der an jedem Klitschenbahnhof hielt, gefangen wie in einer Zwangsjacke.
Die Schaffnerin, ganz pragmatisch, fügte hinzu: „Der Speisewagen ist weiter vorne, falls Sie einen Schnaps brauchen.“ – Nein danke.
Szene 3: Reinhold in München

München wartet – geduldig, prachtvoll und ein wenig spöttisch.
Während ich Kilometer um Kilometer in die falsche Richtung zuckelte, bezog Reinhold in München unser Hotel.
„Wo ist Edith?“ – Wirklich wundern konnte er sich nicht. Schließlich komme ich zu Verabredungen gern zu spät: stehe am falschen Ort, zweifle, hetze. Doch diesmal übertraf ich mich selbst.
Endlich, nach unzähligen Gleiswechseln, wies mir die Schaffnerin den Weg: „Hier aussteigen und gegenüber den Zug nach Stuttgart nehmen.“
Erst im Zug von Stuttgart nach München wagte ich, Reinhold anzurufen.
„Ich bin jetzt unterwegs von Stuttgart.“
Pause. Dann seine Stimme: „Stuttgart? Was machst du denn in Stuttgart?“
Eine gute Frage. Bis heute unbeantwortet.
Epilog: Ein Schlussstrich mit Pointe

Endlich angekommen – müde, verspätet, aber glücklich. Prost, München!
Am Ende trafen wir uns doch noch. Später als geplant, müder als gewollt – aber immerhin.
Und manchmal muss ich schmunzeln, wenn ich daran denke: Ich habe es geschafft, allein von New York City nach Frankfurt, weiter nach Johannesburg und schließlich bis nach Mauritius zu reisen – ohne mich zu verlaufen, zu versteigen oder gar zu verfliegen.
Nur die Bahn brachte mich eines Tages zuverlässig … nach Nirgendwo.

Und am Ende zählt nur das Wiedersehen – egal, wie viele Umwege es braucht.

Über die Autorin: Edith ist 70+, neugierig auf das Leben und liebt es, zwischen Roadtrips und Familienbesuchen über das große Ganze nachzudenken. Auf ihrem Blog wanderlust-knows-no-age.com erzählt sie mit Stil, Seele und einem Hauch Selbstironie von Momenten, die zählen.