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Usedom mit Inge

Usedom mit Inge

Blick von der Ahlbecker Seebrücke – das Meer glitzert im Septemberlicht.

Prolog: Zwei Tage für Freundschaft

Manchmal braucht es keine großen Reisen. Kein Fernweh, keine exotischen Ziele. Manchmal genügt ein kleiner Ausbruch aus dem Alltag – zwei Tage, um eine Freundin zu überraschen.

Inge, fast 88, hatte mir schon vor Monaten erzählt, dass sie immer einmal nach Usedom wollte. Nun buchte sie tatsächlich einen Flug – vom Bodensee bis an die Ostsee. Endlich ist sie da.

Die Idee, sie dort zu überraschen, kam uns spontan. Also fahren wir einen Tag nach ihrer Ankunft los: 340 Kilometer im Auto, im Gepäck nur die Vorfreude. Inge ahnt nichts. Gestern noch habe ich ihr am Telefon einen „unvergesslichen Urlaub“ gewünscht – und heute werden wir neben ihr stehen. Schon jetzt sehe ich ihr Gesicht vor mir: das Staunen, das Lachen, das ungläubige Kopfschütteln.

Wir waren schon öfter auf Usedom, haben in Ahlbeck gewohnt, Strände und Seebrücken bestaunt. Doch diesmal ist alles anders. Es geht nicht um Postkartenmotive. Es geht um Inge.

Für alle, die sich fragen, wo Usedom liegt: ganz oben im Nordosten Deutschlands, geteilt mit Polen. Die Insel gilt als eine der sonnenreichsten Regionen des Landes –
42 Kilometer Strand, nostalgische Seebäder und mehr Natur, als man in zwei Tagen erfassen kann.

Freundschaft hat ihre eigene Geografie. Sie zeichnet keine Karten, sie kennt keine Grenzen. Sie lebt von Gesten, von Augenblicken. Genau darum kreisen diese beiden Tage.

Überraschung gelungen – Freude pur

Überraschung gelungen – eine Umarmung voller Freude.

Die schönsten Reisen beginnen nicht mit einem Koffer, sondern mit einem Gesichtsausdruck. Inges Augen, ihr Lachen, dieses spontane „Ihr seid verrückt!“ – das ist das eigentliche Ziel unserer Fahrt.

Natürlich treffen wir sie nicht zufällig auf der Promenade. Auch nicht im Hotel – sie ist unterwegs. Erst am Nachmittag kommt der rettende Anruf der Rezeptionistin: „Die Dame ist jetzt im Haus, wenn Sie sie überraschen wollen …?“

Von Ahlbeck nach Bansin sind es nur ein paar Kilometer. Reinhold wartet in der Lobby, während mich die Empfangsdame zu Inges Zimmer führt. Ich klopfe – nach einer Weile öffnet sie, überrascht, noch nicht ganz für Besuch gerüstet. Völlig perplex schaut sie mich an. Kein Foto davon, obwohl mein Handy griffbereit ist. Ihr Blick bleibt unvergesslich: „Du? Ihr hier? Das glaube ich nicht.“

Wenig später erscheint sie – diesmal vollständig gekleidet, elegant wie immer. Ihre Umarmung könnte inniger nicht sein. Immer wieder will sie bestätigt haben, dass wir wirklich nur ihretwegen hier sind: „Ihr seid verrückt, so eine Strecke … wegen mir?‘“

Wir setzen uns an die Strandpromenade. Eben noch grau und regnerisch, nun bricht die Sonne durch. Inge strahlt mit ihr um die Wette.

Gespräche mit Inge sind nie Mangelware. Neugierig, quirlig, immer voller Geschichten. Zuletzt hatte sie sich einen neuen Smart gekauft. Auf Reinholds Frage, ob das Auto noch in Schuss sei, erzählt sie von einer Schramme „in dem Blech über dem rechten Vorderrad, du weißt schon?“ – „Meinst du den Kotflügel?“ fragt er. „Ja, genau!“ ruft sie erleichtert. Dann lachend: „Ich bin so aufgeregt, dass ihr hier seid, ich bekomme keinen vernünftigen Satz raus.“

Heilig’s Blechle – Inge wohnt schließlich im Schwabenländle.

Zwischen Promenade und Plauderei: Freundschaft hat immer Sitzplatz.

Wie alles begann

Unsere Freundschaft mit Inge ist wie ein gutes Buch – nicht lang, aber voller Geschichten. Damals arbeitete sie in einer Boutique, um ihre Rente aufzubessern. Wir kauften ein, kamen ins Gespräch, tranken Espresso. Später ging ich nicht mehr wegen der Kleider hin, sondern wegen ihrer Erzählungen. So wurden wir Freundinnen.

Auch als wir fast 1.000 Kilometer wegzogen, blieb der Kontakt bestehen. Denn Freundschaft misst sich nicht an der Dauer, sondern an der Tiefe.

Ein gemeinsamer Moment im Sommer 2011 – Überraschung inklusive: Sister Act in Hamburg.

Mit Inge unterwegs auf Usedom

Der nächste Tag beginnt bodenständig – mit einem Abstecher in die Inselmühle, einer Naturmanufaktur für Öle, Säfte, Senf und Spirituosen. Alles regional, alles ohne Konservierungsstoffe. Nur das, was wir suchten, gab es nicht: Aroniabeerensaft und Sanddornnektar. Also weiter ohne Superfood – geht auch.

Nächster Halt: das Wasserschloss Mellenthin, ein ehrwürdiges Gemäuer von 1575. Wir spazieren durch den Schlossgarten, bewundern knorrige Bäume, Idylle am Wasser.

Am Ausgang dann eine Kuriosität: Kaffeesatz in Tüten – als Dünger. Ein Euro das Stück. Wir schmunzeln.

Gleich daneben lockt die Kaffeerösterei. Cappuccino-Zeit. Inge nippt, legt den Kopf schief und meint: „Schmeckt irgendwie anders.“ Kein Tadel, nur Feststellung. Wir lachen – und wie immer mit ihr, landen wir vom Hundertsten ins Tausendste.

Von Schlossgarten bis Kaffeerösterei – Inge probiert alles mit Neugier und Charme.

Kleine Spitzen & große Momente

Am Nachmittag geht es nach Zinnowitz. Strand, Promenade, „Garten der Sinne“ mit Holzskulpturen. Ein Blick in eine Boutique – und Inge bemerkt trocken: „Die Mode ist hier ganz anders als bei uns in Deutschland.“ Wir lachen. Schließlich lebt sie am Bodensee – Deutschland, nur eben anders.

Ein Sinnbild für das, was diese Tage trägt: Nähe und Zuwendung

Ahlbeck – Seebrücke mit Realitätsschub

Inges Sehnsuchtsort: die Ahlbecker Seebrücke – schöner als Postkarten, nur eben anders.

Zum Abschluss Inges Wunsch: die Ahlbecker Seebrücke. Wahrzeichen von 1898, mit rotem Dach und grünen Türmen, die einzige noch erhaltene Seebrücke dieser Art. Loriot nutzte sie in „Pappa ante Portas“.

Wir wandern also diese geschichtsträchtige Brücke entlang, umrunden das Restaurant am Ende, werfen einen Blick hinein. Inge hatte Postkartenbilder im Kopf – goldenes Licht, Abendstimmung. Nun ist es heller Nachmittag, alles wirkt nüchterner.

Inge kann es nicht fassen und sagt immer wieder: „Das habe ich mir ganz anders vorgestellt.“ Und im Auto, auf dem Rückweg nach Bansin, murmelte sie kopfschüttelnd erneut: „Ganz anders …“ Da kann sich Reinhold eine leicht genervte Bemerkung nicht verkneifen: „Inge, jetzt ist mal gut. Wir können schließlich nichts dafür, wie die Ahlbecker Seebrücke aussieht!“

Nachklang: Zwei Tage, die bleiben

Zwei Tage sind nicht viel. Aber wenn sie mit Wärme gefüllt sind, tragen sie länger als so manche große Reise.

Usedom ist die Kulisse, das Meer die Musik, die Seebrücken die Dekoration. Doch die Hauptrolle spielt das Miteinander – und das Lächeln, das bleibt, wenn die Koffer längst wieder ausgepackt sind.

Wir fahren nach Hause in dem Wissen: Inge wird sich nicht langweilen. Schließlich hat sie ihre „To-do-Liste“ – ja, sie nennt es wirklich so.
Ganz oben: im Strandkorb sitzen, aufs Meer schauen, Kaffee schlürfen und eine Butterbretzel genießen.

Inge sagt Ade – und wir wissen: Das Lächeln bleibt.

 

Mehr Gedanken aus der Reihe „Das Leben dazwischen“ findest du hier.

Reisebloggerin 70+, digital & stilvoll – Edith mit iPad und Champagner in der Lounge

Über die Autorin: Edith ist 70+, neugierig auf das Leben und liebt es, zwischen Roadtrips und Familienbesuchen über das große Ganze nachzudenken. Auf ihrem Blog wanderlust-knows-no-age.com erzählt sie mit Stil, Seele und einem Hauch Selbstironie von Momenten, die zählen.

 

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