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September-Melancholie

September-Melancholie

Sehnsuchtsluft zwischen Abschied und Anfang

„Septembermorgen – wenn Nebel, Licht und Felder Geschichten erzählen.“

 

Der September trägt eine eigene Handschrift. Noch wärmt die Sonne wie ein alter Freund, doch schon liegt ein feiner Schleier in der Luft – kühl, klar, mit einem Hauch von Erde, Blättern und Abschied. Es ist, als atmete die Welt tiefer, langsamer, bewusster. Freude und Traurigkeit liegen übereinander wie zwei Schichten im Nebel.

Es war September, als Lena geboren wurde – ein heller Anfang, ein Geschenk, das bis heute strahlt. Auch meine Schwester ist ein Septemberkind. Und es war wieder September, als mein Cousin Bernd verstummte, eine Woche vor seinem fünfzehnten Geburtstag. Ein Leben, das kaum begonnen hatte. Seitdem weiß ich: Vielleicht haben andere Monate Erbarmen – der September nicht.

Er trägt für mich eine eigentümliche Schwere – eine Wehmut, die tief im Bauch sitzt, und eine Sehnsucht, die in keine Richtung weist – nur hinaus, ins Offene. Vielleicht ist das die Wahrheit des Septembers: dass Glück und Traurigkeit keine Gegensätze sind, sondern zwei Seiten derselben Sehnsuchtsluft.

September in der Natur

„Pilzgeflüster im Wald – Erinnerungen an Großeltern und Körbe voller Maronen.“

 

Der September ist ein Maler mit zarten Farben. Er legt Gold auf die Blätter, ohne sie schon ganz loszulassen. Er zeichnet Nebelfäden über Wiesen und schenkt den Abenden ein mattes Leuchten. Die Sonne wärmt noch, doch ihr Licht ist weicher, als wüsste sie selbst um ihre Endlichkeit. Und manchmal sticht genau das ins Herz – weil auch wir spüren, dass unsere Tage gezählt sind.

Die frühen Morgenstunden sind kühler, ein Hauch von Herbst liegt in der Luft. Mit der schnelleren Dämmerung legt sich eine Stille über alles – ein Abschied vom Sommer, sanft wie der Gruß eines alten Freundes.

Im Wald beginnt eine eigene Zeit. Der Duft von Pilzen weckt Erinnerungen: mein Großvater mit dem Taschenmesser in der Hand, meine Großmutter mit dem Korb am Arm. Unter unseren Schritten raschelten die feuchten Blätter, und im Korb glänzten die Maronen wie kleine, braune Edelsteine. Geschichten, die der September zwischen Bäumen und Atemwolken schrieb.

September als Spiegel des Lebens

„Wenn der September flüstert – goldenes Gras im letzten Licht.“

 

Der September ist ein Übergang – nicht mehr Sommer, noch nicht Herbst. Ein Innehalten zwischen Aufbruch und Abschied. Der September berührt uns so tief, weil auch unser Leben von solchen Zwischenzeiten geprägt ist. In jungen Jahren sehnen wir uns nach dem Hochsommer, nach Wärme und Fülle. Später erkennen wir, dass jeder Sommer vergeht – und lernen, den Glanz im Abschied zu sehen. So wie der September beides trägt, Licht und Schatten, Wärme und Kühle, so tragen auch wir beides in uns. Manchmal fürchte ich den September, weil er mir meine eigene Vergänglichkeit ins Ohr flüstert. Er erinnert mich daran, dass Leben nie ein Entweder-oder ist, sondern immer ein Sowohl-als-auch.

„Zwischen Herbstblättern – ein Schritt in den September, wo Abschied bunt zu Boden fällt.“

Kulturelle September-Stimmen

„Septemberträume – ein Kleid aus Sonnenblumen, ein Flüstern zwischen Kunst und Natur.“

Dichter und Maler, Musiker und Träumer – viele haben den September zum Helden ihrer Melancholie gemacht. Rilke schrieb: „Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.“ In diesem Vers liegt die ganze Wehmut eines Monats, der weiß, dass Fülle nicht ewig währt. Und manchmal trifft mich dieser Vers wie ein Schnitt – weil er mir sagt, dass alles Schöne nur geliehen ist.

Auch ich trage diese Bilder in mir. Nach der Erntezeit lag ich als Kind auf dem knarzenden Heuwagen, schaute in den Himmel und folgte den Kondensstreifen. Woher? Wohin? Für mich waren sie mehr als Spuren im Blau – sie waren Versprechen, dass hinter dem Horizont etwas wartet. Ich träumte davon, über den Wolken zu fliegen. Erst viele Jahre später wurde dieser Traum Wirklichkeit. Doch genau in diesem Dazwischen, zwischen Warten und Sehnen, wurzelt bis heute meine September-Melancholie.

Schlussgedanke

Vielleicht ist es das, was der September uns schenkt: ein Atemzug voller Gegensätze – Freude und Abschied, Fülle und Leere, Erinnerung und Erwartung.

Wenn ich in diesen Tagen hinausgehe, atme ich tiefer. Die Luft ist nicht leicht – sie ist schwer, durchdrungen von Geschichten, Düften und unausgesprochenen Fragen.

Ich denke an das Lied „Try to remember the kind of September when life was slow and oh so mellow … without a hurt the heart is hollow.“

Ein September, in dem das Leben langsam floss, weich und voller Wärme – und in dem das Herz ohne Schmerz leer geblieben wäre. Und dann diese Stimme von Harry Belafonte: so zart, dass sie mir jedes Mal die Tränen in die Augen treibt.

Ohne Schmerz kein September. Ohne September kein Leben.

Der September und ich – Anfang und Ende, Glück und Wehmut, Leben und Erinnerung.

 

„Wenn der Tag im September vergeht – Himmel in Flammen, Erde im Schweigen.“

Reisebloggerin 70+, digital & stilvoll – Edith mit iPad und Champagner in der Lounge

Über die Autorin: Edith ist 70+, neugierig auf das Leben und liebt es, zwischen Roadtrips und Familienbesuchen über das große Ganze nachzudenken. Auf ihrem Blog wanderlust-knows-no-age.com erzählt sie mit Stil, Seele und einem Hauch Selbstironie von Momenten, die zählen.

 

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