Von Vanuatu nach Riga – eine Reise der Kunst
Prolog: Ein Hupfer ins Unbekannte
Es war nur ein kleiner Sprung über den Pazifik – ein unscheinbarer Flug von Brisbane in Australien nach Vanuatu, mitten in Ozeanien. Die Insel lag unter Wolken, Badewetter war es keines. Wir wohnten in einem kleinen Resort direkt am Meer – und hatten uns Strandspaziergänge erträumt, die jedoch ausblieben. Ein Zyklon hatte Wochen zuvor den Strand weggespült und nur ein Stück rauer Küste hinterlassen.
Natürlich blieben wir nicht untätig. Wir erkundeten Port Vila, ließen uns von Straßen, Märkten und Begegnungen treiben. Und dann fiel uns die lokale Zeitung in die Hände – wir haben sie bis heute aufgehoben, die Seiten schon leicht vergilbt. Darin ein großer Bericht über eine Künstlerkolonie am Eingang der Erakor-Lagune. Ein Hinweis, der unser Vanuatu-Abenteuer in eine ganz andere Richtung lenken sollte.
What’s On, 12. Oktober 2008: Artikel zur N. Michoutouchkine & A. Pilioko Foundation in Port Vila. Eine vergilbte Seite, die unsere Erinnerung öffnete wie eine Tür.
Ein buntes Paradies am Rande der Lagune

Palmen, Katzen, Tänzerinnen – in Gelb getaucht, als wäre die Sonne selbst hier zu Hause.
Schon der Eingang war ein Versprechen: Palmen, nicht grün, sondern leuchtend gelb gestrichen. Steine, bunt wie ein Gemälde, ruhten auf jeder Latte des Zaunes. Und dazwischen: kleine Kunstwerke, bemalt, verziert, unerwartet – eine Ausstellung unter freiem Himmel.
Wir standen da, überrascht, fast verwirrt, und wussten sofort: Dies war kein gewöhnlicher Ort. Hier hatte jemand die Welt in Gelb getaucht und mit Pastell überhaucht, als wollte er das Alltägliche zum Schillern bringen. Und doch war es kein Museum, keine sterile Galerie – sondern ein lebendiges, atmendes Zuhause voller Widersprüche und Charme.
Ein Innenhof voller Farben, Pflanzen und Fundstücke – Aloi inmitten seiner gelben Welt – Gastgeber, Künstler, Geschichtenerzähler.
Begegnung im Pavillon

Der Pavillon am Rande der Lagune – hier lachten, erzählten und schwiegen wir, während der Ozean im Hintergrund rauschte.
Hinter all den Farben, zwischen Palmen verborgen, fanden wir uns in einem schlichten Pavillon wieder. Der Ozean rauschte in der Ferne, als würde er die Kulisse für unser Treffen liefern.
Aloi, leise, beinahe zurückhaltend, mit einem Blick, der mehr Tiefe verriet, als er mit Worten preisgab. Nicolai dagegen war der Temperamentvolle, der Erzähler, der Händler, der voller Charme die Preisverhandlungen führte.
Fast scheu, aber bestimmt nahm uns Aloi mit auf eine Führung durch sein kunterbuntes, künstlerisch gestaltetes Haus. Farben, Formen, Fundstücke – alles verschmolz miteinander. Uns verschlug es beinahe die Sprache; wir standen staunend in einem Universum aus Kreativität und Leben. Und dann verriet er sein Geheimnis: „Ich male immer mit Musik. Auch meine Blumen lieben Musik“, sagte er – und plötzlich schien der ganze Raum zu klingen.“

Ein Garten wie ein Traum: Totems zwischen Palmen, Geschichten zwischen Himmel und Erde.
Zwei Leben für die Kunst

Zwei Männer, zwei Welten – vereint in Farbe, Freundschaft und einem gemeinsamen Leben für die Kunst.
Zwei Männer, zwei Lebenswege, die sich kreuzten und nie wieder trennten. Nicolai Michoutouchkine, Kosmopolit mit russischen Wurzeln, ein Sammler von Geschichten und Farben. Und Aloi Pilioko, geboren auf einer kleinen Insel im Pazifik, leiser im Auftreten, aber mit einer eigenen Handschrift, die Stoff und Leinwand gleichermaßen zum Leuchten brachte.
Sie begegneten sich in Neukaledonien, erkannten ineinander einen Spiegel und wurden unzertrennlich. Gemeinsam zogen sie durch Ozeanien, ließen sich inspirieren, schufen ein Werk, das so bunt war wie die Inselwelt selbst. Ihre Kunst war nie nur Dekoration – sie war Lebensform, Ausdruck, Begegnung.
Ein dritter Nachbar: Paul Gardissat
Und dann war da noch Paul Gardissat – Musiker, Schriftsteller, Künstler. Auch er lebte in der Nachbarschaft von Nicolai und Aloi, und wir hatten das Glück, ihn persönlich kennenzulernen.
Paul, ein algerisch-französischer Mann, lebte seit den 1960er-Jahren in Port Vila. Vanuatu verdankt ihm unendlich viel: Er zeichnete mündliche Überlieferungen auf, bewahrte die frühe Streichmusik der Inseln und machte sie zugänglich. Sein Name bleibt untrennbar mit dem Buch Nabanga verbunden – ein Werk, das Geschichten rettete, bevor sie im Strudel der Modernisierung verschwinden konnten.
Von Paul erhielten wir etwas Besonderes: zwei Paare mannshoher Figuren, geschnitzt aus dem Holz der Black Palm Trees von der Insel Ambrym. Ohne großes Aufhebens schickte er sie nach Brüssel zu seiner Galeristenfreundin Anette. Wir fuhren dorthin, bestaunten die kraftvollen, archaischen Skulpturen – und bald darauf brachte eine Spedition sie zu uns nach Hause.
Ein Paar stand fortan vor unserem Haus, das zweite am Ende des Grundstücks, mit Blick zum See. Sie wurden zu Hütern unseres Alltags, Wächter zwischen Gegenwart und Erinnerung. Und ja – sie haben uns Glück gebracht.
Wir haben noch immer Pauls freundliche E-Mail von damals:
„Zum Abschluss freue ich mich sehr, Dir das zweite Paar (Mann und Frau) von der Insel Ambrym schicken zu dürfen. Ich hoffe, diese beiden Statuen gefallen Dir und erinnern Dich an Deine Reise nach Vanuatu. Ich denke auch, Edith wird sich freuen, diese Erinnerungen im Frühling in Eurem Garten zu sehen.“ – Paul
Zwei Wächter aus schwarzem Palmenholz – standhaft im Sommergrün wie im Winterweiß. Sie haben Wind, Wetter und Schnee getrotzt und uns über Jahre Glück gebracht.
Gemälde für unser Zuhause
Aloi Pilioko: Farben, die tanzen – Rhythmus unter Palmen, ein Fest der Muster und Gesichter.
Natürlich konnten wir nicht widerstehen. Vor uns stapelten sich Farben, Muster, Geschichten – und irgendwann war klar: Ein Stück dieses Paradieses musste mit uns reisen. Wir entschieden uns für Gemälde von Aloi, groß und leuchtend, wie gemacht für hohe Wände und ein Zuhause, das Platz hatte für Träume. Acryl auf Leinwand ließ sich zusammenrollen und – nicht ganz problemlos – im Gepäck verstauen.
Doch damit endete es nicht. Wir blieben per E-Mail mit Nicolai in Kontakt. Eines Tages zeigte er uns ein neues Werk – Acryl auf Sperrholz, gewaltig in seiner Präsenz. Wir hatten sofort den perfekten Platz in unserem Haus vor Augen. Und so machte sich das riesige Kunstwerk auf den langen Weg nach Deutschland.
Und dort hing es später – nicht bloß als Dekoration, sondern als Fenster in eine andere Welt. Jedes Mal, wenn unser Blick daran entlangglitt, hörten wir wieder das Rauschen des Ozeans, spürten die tropische Luft, sahen Alois Lächeln und Nicolais funkelnden Blick. Es war, als hätten wir uns ein Stück Vanuatu ins Haus geholt.
Ein Geschenk zum Abschied
Zum Abschied erhielten wir von Aloi noch ein Bild – Femme au poisson aus dem Jahr 1973, ein Werk auf Papier. Er schrieb eine Widmung darauf, für uns beide. Versehentlich nannte er mich „Edwig“ statt Edith. Nicolai bemerkte es sofort, und Aloi war es sichtlich unangenehm. Doch ich musste lächeln. „Edwig“, dachte ich, klingt fast wie „ewig“. Und so sehe ich es bis heute: eine kleine, leise Verheißung, dass Erinnerung und Kunst bleiben – ewig.
Von Vanuatu nach Riga
Doch wie das Leben so spielt: Häuser ändern sich, Räume werden kleiner, und große Wände für große Gemälde verschwinden. Schweren Herzens trennten wir uns von Nicolais Werk auf Sperrholz. Aber statt es im Schatten verstauben zu lassen, suchten wir nach einem Ort, an dem es atmen konnte.
So fanden wir das Museum of Pacific & Oceanic Arts in Riga. Vanuatu und Lettland scheinen weit voneinander entfernt – und doch passte es. In einem Haus voller ozeanischer Stimmen sollte Nicolais Bild ein neues Zuhause finden. Wir schrieben, erzählten, und schließlich ging das Gemälde auf die Reise.
Letzte Woche kam es an. Bald wird eine Ausstellung folgen, und wir wissen schon jetzt: Wir werden nach Riga fliegen, um selbst dabei zu sein, wenn diese Farben erneut leuchten – diesmal vor vielen Augen, nicht nur vor unseren.

Nicolai Michoutouchkine: Farben voller Geschichten – ihr Weg führte von unserem Haus ins Museum of Pacific & Oceanic Arts in Riga.
Nachklang: Ein Kreis schließt sich
Manchmal schließen sich Kreise auf leise, fast unerwartete Weise. Unser Weg führte uns von einem Pavillon am Rand der Lagune bis in ein Museum im Norden Europas. Dazwischen lagen Jahre, Erinnerungen, ein Zuhause, in dem die Gemälde Teil unseres Alltags wurden.
Jetzt wissen wir: Nicolai und Aloi leben weiter – in Farben, in Formen, in Geschichten. Ihr Werk trägt die Tropen in sich, das Lachen unter Palmen, das Rauschen des Ozeans. Und es trägt auch ein Stück von uns, die wir einen Nachmittag lang Teil ihres Paradieses sein durften.
Vielleicht würde Nicolai schmunzeln über diesen neuen Ort, vielleicht würde Aloi still nicken. Wir jedenfalls fühlen Dankbarkeit – und Vorfreude auf Riga, wo die Erinnerung noch einmal lebendig wird.
Ein Gruß, handgeschrieben – eine Erinnerung, die bleibt, wenn Worte längst verklungen sind.


Über die Autorin: Edith ist 70+, neugierig auf das Leben und liebt es, zwischen Roadtrips und Familienbesuchen über das große Ganze nachzudenken. Auf ihrem Blog wanderlust-knows-no-age.com erzählt sie mit Stil, Seele und einem Hauch Selbstironie von Momenten, die zählen.