Perlen auf einer Kette: Die Frauen meiner Familie
Prolog – Wo alles beginnt
Man erbt vieles. Augenfarbe, ein Grübchen, das Lächeln.
Aber auch das Schweigen. Die Sehnsüchte. Den Witz – und manchmal diese kleinen Eigenarten, die uns unverwechselbar machen.
Familien sind ein Schatzkästchen: gefüllt mit Geheimnissen und Geschichten, mit dem, was erzählt wird, und dem, was lieber ungesagt bleibt.
Die Frauen meiner Familie sind für mich wie Perlen auf einer Kette. Jede hat ihren eigenen Glanz – manche schimmern still, andere funkeln laut.
Ihre Wege führten von Ostpreußen, dem Sudetenland und Wien – der Traumstadt meiner Großmutter – bis nach Bayern und Nordhessen. Zwischen Fachwerk und Apfelbäumen spann sich das Band, das uns bis heute verbindet.
Urgroßmutter Rosa – die Bayern-Oma

27. Juni 1960 – 80. Geburtstag: Ein Leben voller Arbeit – und doch ein Lächeln für diesen Moment.
Rosa Quest (1880–1966) – ein Name wie aus einer alten Chronik, und doch blieb sie für uns mehr ein Gefühl als eine Gestalt aus Fleisch und Blut. Nach der Flucht aus dem Sudetenland, dem heutigen Tschechien, fand sie mit einem Teil der Familie in Bayern ein neues Zuhause. Für uns Kinder war sie einfach die „Bayern-Oma“.
Ein größeres Geheimnis trug sie ohnehin mit sich: Sie erzählte nie, wer der Vater ihrer beiden Kinder war. Ihr Mund blieb verschlossen wie ein Tresor. Auch MyHeritage blieb ratlos. So werde ich wohl nie erfahren, wohin die Linie meines Urgroßvaters führt.
Doch zu Weihnachten kam sie uns ganz nah: Mit Paketen voller Selbstgestricktem – Socken, Pullover, Mützen. Keine Spielzeuge, keine Mode – sondern Wärme. Vielleicht war das ihre Art zu sprechen: Masche für Masche erzählten ihre Hände, was ihr Mund verschwieg.
Omi – die Schillernde aus Wien
Marie („Mizzi“ – 1912–1972).

11. August 1934 – Ein weißes Kleid, ein Anfang voller Hoffnungen.
Sie kam mit meiner Mutter im Zug aus dem Sudetenland, landete in Datterode, einem kleinen Dorf im nordhessischen Ringgau, und richtete sich im Untergeschoss eines alten Hauses ein – möbliert mit dem, was übrig war: Frisierstühle am Esstisch, ein weiß lackiertes Bett. Improvisation war Alltag.
Später erzählte meine Mutter von dem Tag, als sie ein Plakat des Roten Kreuzes sah. Darauf ein Suchaufruf meines Großvaters Hermann, der von der Ostfront zurückgekehrt war und Frau und Tochter suchte.
Omi las es, schüttelte den Kopf und sagte kühl: „Da melden wir uns nicht.“ Sie wollte ihn nicht zurückhaben. Erst als meine Mutter, damals elf Jahre alt, weinend und schreiend „Ich will meinen Papa zurück!“ rief, gab sie klein bei. Und so kehrte Hermann zurück – in eine Wohnung spärlich möbliert mit Frisierstühlen und Spannungen.
Omi war ein einziger Widerspruch. Mit erhobenem Kopf betonte sie bei jeder Gelegenheit, dass sie aus einer Weltstadt komme, aus Wien. Und ihr Ton ließ keinen Zweifel daran, was sie von den Dörflern hielt, zwischen denen sie nun lebte: nichts.
Gleichzeitig hatte sie keine Scheu, im Alltag die Bodenhaftung zu zeigen: scharfzüngig, direkt, manchmal übertrieben theatralisch. Zwei Rollen spielte sie: die Wiener Grande Dame – und die improvisierte Dorfüberlebenskünstlerin.
Ich war selbst Augenzeuge, wie sie bei einem Streit mit ihrem Cousin, der auf der anderen Seite des Hofes lebte, keine Worte mehr fand, sondern Taten sprechen ließ: Sie drehte sich um, hob ihren Rock und wackelte mit dem Hinterteil. Ein Abgang wie ein Theaterdonner – vulgär, komisch, unvergesslich.
Ihre Geschenke waren immer etwas Besonderes: eine Gitarre, Rollschuhe. Kultur brachte sie mir näher, als ich noch kaum laufen konnte. Schon als Kleinkind schleppte sie mich in die Operette Der Bettelstudent von Carl Millöcker – drei Akte voller Langeweile. Heute bin ich ihr dankbar. Wahrscheinlich war auch sie es, die meine Vorliebe für Hüte geweckt hat. Nur die Hutnadel habe ich weggelassen.
Von ihr habe ich gelernt, dass man sich ein Stück Glanz bewahren darf – auch im Alltag. Vielleicht steckt ein Teil ihrer Wiener Melodie bis heute in mir.
Und: Mizzi bestand darauf, „Omi“ genannt zu werden – niemals „Oma“. Es lebe der kleine Unterschied.
Ein leises Kräftemessen
Doch wo eine Omi ist, da ist auch die andere, die Oma.
Mizzi – die Wienerin – und Lisbet – die Nordhessin – hielten sich gegenseitig für Konkurrentinnen.
Die eine mit dem Habitus der Weltstadt, die andere mit Bauernschürze und Gänsen. Nach außen hin belächelte Lisbet die „feinen Manieren“, während Mizzi jeden Satz so sprach, als wolle sie klarstellen, dass Wien über allem stand.
So wurden auch wir Kinder unbewusst verteilt: Ich, das „Omi-Kind“, wuchs bis zur Einschulung bei ihr auf. Meine Schwester Gerlinde dagegen wurde Lisbet zugeordnet – und das schien zu passen. Schon als kleines Mädchen half sie beim Hühnerschlachten und bekam von Lisbet den lebensverlängernden Rat: „Wenn Jungs dich ärgern, kratze, beiß oder wirf ihnen einen Apfel an den Kopf.“
Die andere Oma – Lisbet
Elise, von allen Lisbet genannt (1899–1978), war Nordhessin durch und durch: eine Bäuerin, burschikos, bodenständig, kaum je weiter gereist als zehn Kilometer.

„Ihr Blick spricht von Stärke – und von stillen Opfern.“
Sie war die, die sonntags die Kirchenglocken läutete – zierlich, und doch mit ganzem Körpereinsatz an den Stricken hängend. Immer in Begleitung ihrer Gänse, die ihr im Gänsemarsch bis zum Kirchentor folgten und geduldig warteten, bis sie wieder herauskam.
In der ersten Kirchenreihe hatte sie ihren Stammplatz. Was die Predigten bewirkten? Schwer zu sagen – zuhause lästerte sie fröhlich über Nachbarin Emma und „Freundin“ Martha.
Unvergessen bleibt ihr Kaffee-Ritual: Sie goss den Bohnenkaffee auf die Untertasse und schlürfte ihn genüsslich. Zum Abkühlen, gewiss – doch vielleicht auch, um einen Hauch Wiener Schick in ihre dörfliche Umgebung zu bringen. Denn das Trinken aus der Untertasse galt einst durchaus als fein und gesellschaftlich akzeptiert.
Ihre Geschenke waren ebenso unvergesslich – lachsfarbene Schlüpfer, innen angerauht, oder Sammeltassen.
Meine Mutter – ein ewiges Mädchen
Isolde (1933–2024).

23. Juni 1951 – Zwischen Pflicht und Sehnsucht: ein Sommertag, eingefangen für die Ewigkeit.
Sie war siebzehn, mein Vater neunzehn, als ich geboren wurde. Ein Wunschkind, wie sie betonten. Für sie war ich der Beginn eines eigenen Lebens – hinaus aus der Enge der Elternhäuser.
Meine Mutter blieb ein Kind, zumindest nach außen hin. Sie schlug Purzelbäume und Rad, um uns zu zeigen, wie es geht.
Donnerstags hatten wir ein heimliches Ritual: Während mein Vater beim Skatspielen in der Dorfgaststätte war und meine Geschwister schliefen, holte sie mich – sechsjährig – leise aus dem Bett. Vorsichtig, damit niemand aufwachte, setzte sie mich auf einen Stuhl vor den Herd, die Füße im warmen Backofen. Eine Stunde lang hörten wir die Schlagerbörse im Radio, jede Melodie ein kleines Bündnis zwischen uns beiden. Sie tanzte für ihr Leben gern – und mit mir durch die Küche: Walzer, Cha-Cha-Cha, Tango.
Bis heute kenne ich die Schlagertexte der 50er- und 60er-Jahre rauf und runter.
Natürlich hatte sie ihre Macken. Sie glaubte zum Beispiel an jedes Wundermittel der Werbung. Dass ihr Kräutertrunk zum Frühstück 40 % Alkohol hatte, störte sie wenig: „Ich trink ja nur ein halbes Glas – also nur 20 %.“
Ihre Standardantwort: „Das ist gut für ALLES.“
Meine Schwester Lindi – die Fragile

„Ein Kinderlachen, das der Schwere trotzt.“
Ich war die Älteste von vier Kindern. Meine Schwester Gerlinde, Lindi, war die Mittlere, kam vier Jahre nach mir. Erst spät habe ich meine Liebe zu ihr entdeckt. Als Kind wollte sie nichts von Puppen wissen. Die, die mein Vater ihr brachte, zerlegte sie kurzerhand. Draußen, im Stall, war ihre Welt. Küken einfangen – auch wenn sie manchmal zu fest zudrückte. Oma Lisbet zeigte ihr, wie es richtig geht.
Sie war fragil, fiel oft in Ohnmacht, und wir Geschwister waren gnadenlos: „Die will doch nur Schule schwänzen!“ Kinder können grausam sein.
Doch trotz ihrer Zartheit war sie mutig. Während ich heulend aus der Schule kam, weil die Jungs mich geärgert hatten, stellte sie sich der Gefahr – ohne mit der Wimper zu zucken. Lisbets Rat hatte sie verinnerlicht: „Wenn Jungs dich ärgern, kratze, beiß oder wirf ihnen einen Apfel an den Kopf.“ Und so drohte sie nicht nur, sie setzte es auch um. Eines Nachmittags stand die Mutter von Klaus-Dieter, einem etwas pummeligen Jungen, vor unserer Tür und klagte lautstark, Lindi habe ihren Sohn verprügelt. Meine Mutter, etwas hilflos zwischen Empörung und Belustigung, zuckte nur die Schultern: „Ja, und was soll ich jetzt machen?“
Im späteren Leben trennten uns viele Jahre Funkstille – kein Streit, nur verschiedene Wege, die das Leben uns aufzwang. Doch jetzt stehen wir wieder in Verbindung. Geblieben ist die Erinnerung an eine Schwester, die fragil wirkte – und doch mutiger war als ich.

„Lindi und ich heute – Schwesternbande, die hält. Mit einem Glas Rosé und dem Gefühl, wieder verbunden zu sein.“
Noch mehr Frauen
Natürlich sind dies nicht alle Frauen meiner Familie. Da waren auch andere: Tanten, Cousinen, stille Begleiterinnen. Manche haben mich direkt geprägt, andere brachten mich erst im Nachhinein zum Nachdenken.
Ihre Geschichten sind nur angedeutet, und doch gehören auch sie zu der Kette von Frauen, die mein Leben berührt haben. Manche laut, manche leise – jede eine Perle mit eigenem Schimmer.
Hildegard (1900–1941), die Tochter von Rosa, Omis Schwägerin. Sie starb mit nur 41 Jahren, ein Jahr nach der Geburt ihrer Tochter Hiltrud. Näheres weiß ich nicht. Ihr Foto mit Ehemann wirkt wie ein eingefrorenes Versprechen, das das Leben nicht hielt.

1. September 1928 – Hildegard mit ihrem Ehemann – ein junges Paar, festgehalten im Glanz eines Moments, der viel zu kurz währte.
Änne (1930), die Schwester meines Vaters und meine Patentante. Meinen Cousin Bernd (1949–1964) bekam sie unehelich – aus einer Beziehung mit einem verheirateten Mann. Ein Skandal und Makel in jener Zeit, denn wie sollte eine Frau mit einem Kind je noch einen Mann finden? Sie fand ihn – einen anderen –, heiratete, bekam sechs weitere Kinder (fünf Söhne, eine Tochter). Ein leichtes Leben war es nicht. Als ich sie vor ein paar Jahren besuchte, wirkte sie dennoch mit sich im Reinen. Vielleicht ist das am Ende das Wichtigste.

„Änne – meine Patentante. Stark, trotz aller Widrigkeiten. Ein Leben, das Spuren hinterließ, aber auch Ruhe fand.“
Das Erbe

„Ein Garten voller Gesichter, getragen von Frauenhänden.“
Eines eint alle Frauen meiner Familie: Sie waren fleißig, sie packten an, egal, wie widrig die Umstände. Nur das mit den Männern – das war in allen Generationen eine schwierige Sache. Lindi scheint den Bann gebrochen zu haben: Seit 48 Jahren verheiratet, mit ein und demselben Mann. Von wem sie das wohl geerbt hat?
Doch am Ende sind wir alle Teil einer längeren Kette. Unsere Töchter – Lindis wie meine – schreiben längst ihre eigenen Geschichten. Vielleicht werden auch sie einmal von Geheimnissen erzählen, von Glanz und von Eigenheiten. Jede Generation setzt ihre eigene Perle hinzu. Und das Band, das uns verbindet, bleibt bestehen.

Über die Autorin: Edith ist 70+, neugierig auf das Leben und liebt es, zwischen Roadtrips und Familienbesuchen über das große Ganze nachzudenken. Auf ihrem Blog wanderlust-knows-no-age.com erzählt sie mit Stil, Seele und einem Hauch Selbstironie von Momenten, die zählen.
2 Antworten auf „Perlen auf einer Kette: Die Frauen meiner Familie“
Toll!! Bei Rosa und Hildegard hab ich sofort Gänsehaut bekommen. Toll geschrieben. Danke ❤️
Da hab ich ja alles richtig gemacht, wenn du beim Lesen Gänsehaut bekommen hast. Danke dir ❤️