Kategorien
Blog

Salton Sea & Slab City – Zwischen Ordnung und Auflösung

Zwischen Ordnung und Auflösung – Salton Sea & Slab City

Prolog – Nicht wegsehen

Ich wollte eigentlich nicht hinschauen.
Und gleichzeitig konnte ich den Blick nicht abwenden.

Es ist dieses Gefühl, das mich hier immer wieder begleitet:
die Augen kurz zu schließen, aus Angst, etwas zu sehen,
das ich vielleicht lieber nicht sehen will – und dann doch zwischen den Fingern hindurchzublinzeln.

Zu neugierig. Zu wach. Zu sehr Mensch.

Es war meine Idee, hierherzufahren. Zum vierten Mal.
Nicht, weil ich Antworten suche.
Sondern weil ich spüren will, was bleibt, wenn ein Ort aufgehört hat, sich zu erklären.

Wenn man das glamouröse Coachella Valley hinter sich lässt – Country Clubs, gepflegte Rasenflächen, diese fast schon überirdische Ordnung – kippt die Welt plötzlich.
Kaum eine Stunde später steht man an einem Ort, der nichts verspricht und nichts beschönigt.

Der Salton Sea ist kein Ziel.
Er ist ein Zustand.

Hinter der Ordnung

Der Salton Sea bleibt hinter uns zurück.
Nicht abrupt, nicht mit einem Schnitt – eher so, wie man einen Gedanken loslässt, der noch nicht zu Ende gedacht ist.

Die Straße zieht sich geradeaus durch eine Landschaft, die nichts mehr erklärt und auch nichts mehr verspricht.
Staub, Hitze, Weite.
Man fährt weiter, weil Stehenbleiben keinen Sinn hätte.

Irgendwann taucht Niland auf.
Kein Ort, eher ein Dazwischen, in dem man nicht ankommt, nicht innehält.

Ein paar Gebäude, ein paar Schilder, ein Gefühl von:
Hier beginnt etwas – aber noch weiß niemand was.

Slab City – Annäherung

Ganz wohl ist uns nicht, als wir uns Slab City nähern.
Man weiß ja nie.

Mad Max trifft auf Bohème: eine Mischung aus postapokalyptischen Fahrzeugen und beschaulichem Wüstenleben.
Eine Stadt ohne Wasser, ohne Strom. Ohne das, was für uns so selbstverständlich ist, dass wir es kaum bemerken.

Slab City ist kein Dorf und keine Stadt.
Es ist das, was übrig blieb, nachdem eine Militärbasis aufgegeben wurde: Betonplatten in der Wüste. Slabs.

Hier besitzt niemand Land. Und genau deshalb glauben viele, hier frei zu sein.
Wer bleibt, sucht sich einen Platz, baut sich etwas zusammen – und lebt außerhalb jeder Ordnung, die wir kennen.

Salvation Mountain – Ein Farbfleck im Augenwinkel

Und dann, fast beiläufig, taucht er auf:
Salvation Mountain.

Nicht als Ziel. Nicht als Offenbarung.
Eher wie ein Farbfleck im Augenwinkel.

Wir halten kurz an. Ein Fotostopp. Nicht mehr.

Der Berg steht da wie ein Versprechen, das sich nicht erklären will.
Farben, die der Wüste trotzen.
Worte, die größer sind als ihr Träger.

„God is Love.“

Man kann darüber lächeln.
Man kann es kitschig finden.
Man kann stehen bleiben – oder weiterfahren.

Wir bleiben nur kurz. Vielleicht aus Respekt.
Vielleicht, weil manche Dinge ihre Kraft behalten, wenn man sie nicht zu lange festhält.

Dann steigen wir wieder ins Auto.
Und erst jetzt fahren wir wirklich hinein – dorthin, wo Slab City beginnt.

Slab City – Mittendrin: House of Dots

Wir stellen das Auto neben dem House of Dots ab.

Eine Stimme fordert uns freundlich auf, näher zu kommen. Wir sehen niemanden.
Dann tritt Dot hervor. Mittleren Alters – oder alterslos.
Sie trägt verschiedenfarbige Flip-Flops.

Sie fragt, woher wir kommen.
Lädt uns ein, uns in aller Ruhe in ihrem Reich umzuschauen.

„Geht gern überall rein“, sagt sie.
„But watch your heads.“

Wir sprechen über Konsum, über die Wegwerfgesellschaft.
Als sie unseren Lederrucksack bewundert – echte Qualität und seit über zehn Jahren bei uns –, lacht sie und erklärt, warum man hier so viele Schuhe sieht:

„Im Sommer, bei über hundert Grad Fahrenheit, schmelzen die billigen Dinger einfach.“

Also verwendet sie all die weggeworfenen Schuhe in ihren Installationen wieder.

Vielleicht ist das hier der Versuch, dem Weggeworfenen noch einmal Bedeutung zu geben.

Wir überreichen ihr die mitgebrachten Gallonen Wasser.
Mehr braucht es nicht, um zu verstehen, was hier zählt.

Dot lebt seit vielen Jahren in Slab City. „Glamping“, nennt sie es.

„Ein ganz anderer Lifestyle“, sagt Reinhold vorsichtig.

Ja.
Sie ist hier, um Kunst zu machen.
Um Dinge zu tun, ohne sich erklären zu müssen.

Ihre Installationen sind verstörend und verspielt zugleich.
Eine präparierte Dinnerparty. Ausgestopfte Hirsche am Tisch.
Ein Kühlschrank voller Knochen.

Ein Bus dient als Secondhand-Laden. Kleider in allen Größen.

„Auch für dich“, sagt sie zu Reinhold und mustert ihn.

East Jesus – Kunst ohne Geländer

Wir sind die einzigen Besucher an diesem Morgen.
Anfangs ist es unheimlich. Dann bleibt nur noch Staunen.

Und irgendwann hören wir auf zu fragen, was die Künstler sich dabei gedacht haben.

Ein Ort, an dem Gott und Jesus überall auftauchen, Drogen allgegenwärtig sind – und doch nichts eindeutig ist.

Kunst? Glaube? Flucht?

Dass Menschen hier leben, macht alles real – und schwer fassbar.

Slab City – Freiheit ohne Garantie

Slab City ist kein Ort, den man erklären kann.
Und keiner, den man romantisieren sollte.

Armut, Freiheit, Rückzug – alles liegt nah beieinander.

Ich sehe Menschen im Schatten ihrer Behausungen sitzen.
Sie tun – nichts.

Ich frage mich, was es bedeutet, hier zu bleiben.
Nicht für einen Winter.
Sondern für Jahre.

Vielleicht muss man das nicht verstehen.
Vielleicht reicht es, hinzuschauen.

Vorsichtig.
Zwischen den Fingern hindurch.

Epilog – Weiterfahren

Wir fahren weiter.
Der Staub legt sich. Die Straße nimmt uns wieder auf.

Ich weiß, was Freiheit für mich bedeutet.
Aber ich sehe, dass sie sehr unterschiedlich aussehen kann.

Und dass man manchmal genauer hinschauen muss,
um nicht vorschnell wegzusehen.


Diese Reise lässt sich auch als zusammenhängende Geschichte lesen:
Kalifornischer Winter – Eine Reise zwischen Wüste und Pazifik



Reisebloggerin 70+, digital & stilvoll – Edith mit iPad und Champagner in der Lounge

Über Edith: Sie ist 70+ und neugieriger denn je. Auf ihrem Blog
wanderlust-knows-no-age.com
schreibt sie über Reisen, Erinnerungen und das Leben dazwischen – poetisch, ehrlich und immer mit einem Augenzwinkern.
An ihrer Seite: Reinhold, unermüdlicher Navigator, ungeduldiger Ruhepol und heimlicher Hüter der Picknicktasche.
 

 

Deine Stimme zählt – und ja, ganz ohne Passwort! Einfach unten schreiben.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Entdecke mehr von Wanderlust-knows-no-age

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen