Zu alt für diesen Quatsch? – Meine persönliche Murtaugh-Liste
Nach Wochen zwischen Wüste, Highways und endlosen Horizonten bleibt am Ende mehr zurück als nur Fotos.
Reisen verändert nicht die Orte auf der Landkarte.
Manchmal verändert es den Blick, mit dem wir auf unser Leben schauen.
Irgendwo zwischen Kalifornien und dem Rückflug begann sich in meinem Kopf eine kleine Liste zu formen.
Eine Liste mit Dingen, die ich mir nicht mehr beweisen muss.
Meine persönliche Murtaugh-Liste – inspiriert von Roger Murtaugh, dem Filmhelden aus der Lethal Weapon-Serie, der immer wieder trocken feststellt:
„Ich bin zu alt für diesen Quatsch.“
Ein Satz, halb genervt, halb weise – und irgendwann erstaunlich vertraut.
Manche Dinge darf man einfach lassen.
Und andere umso mehr genießen.
Prolog – Von Dingen, die man sich nicht mehr beweisen muss
Für manche Dinge fühle ich mich tatsächlich zu alt.
Und ehrlich gesagt: Das war ich auch schon mit zwanzig.
Adrenalinkicks gehörten nie zu meinem Repertoire.
Aus einem Hubschrauber springen, Gleitschirm fliegen oder sich per Bungee von einer Brücke stürzen – eher nicht.
Mein Nervensystem bevorzugt festen Bodenkontakt.
Dabei leben wir heute angeblich „viel jünger“, als wir wirklich sind.
Jeder ist nur so alt, wie er sich fühlt.
Manche fühlen sich morgens allerdings … realistisch.
Was sich mit den Jahren wirklich verändert hat, ist weniger das Alter als der Maßstab.
Nicht alles, was man könnte, muss man sich noch beweisen.
Manches darf man einfach lassen.
Selbstoptimierung hat inzwischen auch das Alter entdeckt.
Zwischen Lebensfreude und Leistungsprogramm verläuft die Grenze manchmal erstaunlich schmal.
Eltern tragen dieselben Sneaker wie ihre Kinder.
Rentner laufen Marathon.
Muttis sprechen Jugendsprache.
Und irgendwo dazwischen flaniert ein Opa als „cooler Lover“ durchs Leben.
Peinlich?
Nervig?
Oder einfach Zeitgeist?
Die eigentliche Frage ist nicht: Was gehört sich?
Sondern: Wer entscheidet das eigentlich?
Und noch besser: Warum sollten wir uns danach richten?
Ich habe darauf keine endgültigen Antworten.
Aber im Laufe der Jahre hat sich bei mir so etwas wie ein kleines Ordnungssystem entwickelt.
Nichts Weltbewegendes.
Aber erstaunlich hilfreich.
Das ist keine Resignation, sondern eher das Gegenteil:
eine humorvolle, selbstbestimmte Entscheidung, sich nicht mehr alles antun zu müssen.
Keine Verbote. Keine Regeln.
Sondern eine persönliche Abkürzung zu mehr Gelassenheit.
Und irgendwann merkt man:
Diese Liste entsteht ganz von allein.
Meine persönliche Murtaugh-Liste
- Campen.
Zehn Tage Lizard Island auf einer Isomatte im Zelt haben sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt.
Wohnmobil? Auch nicht. Ein „Glammobil“ hatten wir einmal – kurzzeitig, aus Neugier.
Doch lange an einem Ort zu stehen fühlt sich für mich weniger nach Reisen an als nach Umparken mit Fernblick. - Renovieren.
Ich habe Frieden geschlossen mit „so lassen“.
Vor ein paar Jahren wollte Tanja in Maine vier Bahnen einer bunten Tapete an der Wand.
Kostenvoranschlag des Malers: 600 Dollar.
„Mama, du kannst doch tapezieren?“
Konnte ich. Habe ich getan. Aber das war keine Renovierung.
Das war Mutterliebe mit Tapetenkleister.
- Zu viel darüber nachzudenken, was andere über mich denken.
Meine Nerven machen das nicht mehr mit. - Unbequeme Schuhe.
Die Zeit der Pumps ist – leider – vorbei. Verletzungsgefahr.
- Souvenirs von überall.
Heute sammle ich weniger Dinge – und mehr Erinnerungen.
- Zeit mit Menschen verbringen, die nichts zu erzählen haben.
Stille ist schön. Aber nicht, wenn sie aus Leere besteht. - In jedem Menschen unbedingt das Gute suchen zu müssen.
Manche sind halt einfach nur doof. - Das deutsche Jugendwort des Jahres verstehen zu müssen.
„Das crazy“, „goonen“, „checkst du“…
Ich check’s manchmal nicht. Und das ist okay. - Cookie-Hinweise.
Sie sind wie Mücken: klein, nervig und überall. - Mich für andere zu verbiegen.
Ich bin, wie ich bin. Damit müsst ihr leben.
Ich ja schließlich auch. - Verpassten Chancen hinterherzutrauern.
Aufstehen. Krone richten. Weitergehen. - Falsche Bescheidenheit.
Nach einem langen Arbeitsleben darf man ruhig profitieren – ohne rot zu werden. - Angst vor dem Alter.
C’est la vie – es endet tödlich.
Also machen wir das Beste daraus. Mit Stil. - Butterfahrten.
Meine Mutter kam einmal – da war sie selbst schon über siebzig – von einer „Heizdecken-Verkaufsfahrt“ zurück.
Mit einer Heizdecke.
Ihr Kommentar:
„Schrecklich. Ein Bus voller alter Leute.“ - Passwörter.
Früher brauchte man einen Haustürschlüssel.
Heute braucht man ein Gedächtnis wie ein Elefant. - Mein Handy nachts neben dem Bett zu haben.
Früher dachte ich, man könnte etwas Wichtiges verpassen.
Heute weiß ich: Das Wichtigste schläft.
Niemals zu alt für …
- Laut Rockmusik und Oldies.
- Lernen. Lebenslang.
- Lesen, singen, tanzen, schreiben, bloggen.
- Die eigene Meinung vertreten – auch wenn sie nicht im Mainstream badet.
- Humor. Lachen trägt erstaunlich weit.
- Reisen. Hoffentlich noch lange. Zur Not auch mit Rollator.

- Genießen. Gutes Essen, schöne Landschaften, stille Momente.
- Händchenhalten mit Reinhold. Dafür bin ich nie zu alt.
- Neugierig bleiben – auf Neues und auf Dinge, die ich gestern noch nicht verstanden habe.
- Freundlichkeit. Kommt nie aus der Mode.
- Leggings im Alltag. Ich liebe sie. Ende der Debatte.
Epilog – Ein Satz, der bleibt
Am Ende ist das hier keine Abrechnung mit dem Alter.
Eher eine kleine Liebeserklärung an das, was leichter wird,
wenn man sich nicht mehr alles beweisen muss.
Oder vielleicht noch genauer:
Es ist weniger eine Liste der Dinge, für die ich zu alt bin –
als eine Liste der Dinge, für die ich endlich alt genug geworden bin.
Enjoy yourself. It’s later than you think.
Mehr Gedanken aus der Reihe „Das Leben dazwischen“ findest du hier.
wanderlust-knows-no-age.com
schreibt sie über Reisen, Erinnerungen und das Leben dazwischen – poetisch, ehrlich und immer mit einem Augenzwinkern.
An ihrer Seite: Reinhold, unermüdlicher Navigator, ungeduldiger Ruhepol und heimlicher Hüter der Picknicktasche.
