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Nizza – Wir hatten noch gar nicht ausgepackt

Nizza – Wir hatten noch gar nicht ausgepackt

Oder: Wie aus einem Wochenende plötzlich eine Woche wurde

Prolog – Eine kleine Flucht

Ich traue es mich kaum zu sagen, schließlich sind wir erst seit einem Monat wieder zu Hause.

Aber wir vermissen Kalifornien.

Nicht nur die Sonne. Nicht nur die Leichtigkeit. Auch dieses Gefühl, dass der Alltag plötzlich weiter weg ist als gedacht.

Während ich noch versuche, vernünftig zu sein, tut Reinhold, was er am liebsten tut:

Er plant.

Ein paar Tage Côte d’Azur werden uns guttun.

Und die Enkelkinder haben wir seit fast einem Jahr nicht gesehen.

Was als verlängertes Wochenende beginnt, wächst still und leise zu einer ganzen Woche.

Es gibt schlechtere Entwicklungen.

Als ich es meiner Freundin Inge erzähle, fragt sie:

„Was, jetzt im April schon? Habt ihr denn überhaupt schon ausgepackt?“

Ich muss lachen.

Vielleicht nicht.

Vielleicht haben wir nur kurz pausiert.

Kapitel 1 – Bevor es anfängt, fängt es schon an

Bevor wir nach Nizza aufbrechen, gibt es noch einmal FaceTime mit der Familie.

Noch einmal Hallo sagen, letzte Details klären, Vorfreude teilen.

Dann stelle ich eine scheinbar harmlose Frage:

„Sollen wir etwas aus Deutschland mitbringen?“

Arya ruft ohne Zögern:

„Ja! Ein Portemonnaie.“

„Welche Farbe?“, frage ich.

„Silber.“

Reinhold sieht mich an.

„Das hast du nun davon. Versuch mal, in Ascheberg ein silbernes Portemonnaie für eine fünfjährige Südfranzösin zu finden.“

Am Ende half Amazon.

Made in China – aus Deutschland feierlich eingeführt.

Kapitel 2 – Eine Stunde und vierzig in eine andere Welt

Es ist schon faszinierend: Eine Stunde und vierzig Minuten Flugzeit mit Rückenwind – und man ist in einer anderen Welt.

Französisches Flair. Palmen. Andere Farben. Andere Stimmen.

Und dieses Licht, das schon beim Aussteigen so tut, als sei der Alltag nur ein Missverständnis gewesen.

Dieses Mal wohnen wir im Petit Palais.

Im Viertel Cimiez liegt es zwischen verwinkelten Straßen und stillen Winkeln, die sich den Hang hinaufziehen.

Umgeben von Villen und Häusern der Belle Époque wirkt alles ein wenig wie Filmkulisse mit besserem Wetter.

Das Petit Palais ist eines jener Hotels, die ihre Geheimnisse sorgsam hüten.

Im Jahr 1924 ließ eine gewisse Madame Thomas die Villa errichten.

Wer sie war, weiß heute kaum noch jemand.

Vielleicht liegt genau darin ein Teil des Charmes.

Kapitel 3 – Denada

Denada heißt die junge Frau am Empfang.

Ihre fröhliche Art macht es leicht, sofort anzukommen. Noch bevor wir richtig angekommen sind, fühlen wir uns bereits willkommen.

„Ja“, sagt sie, „man kann wunderbar in die Altstadt laufen. Es geht nur bergab.“

Ein Satz, der zunächst wie ein Geschenk klingt.

Dass wir später auch wieder hinaufmüssen, erwähnt sie mit professioneller Eleganz eher beiläufig.

Später fragt Reinhold sie, ob sie eigentlich wisse, was ihr Name auf Spanisch bedeutet.

Sie lacht, verdreht die Augen und sagt:

„Monsieur, ich schwöre, meine Mama versteht kein Wort Spanisch – und ich muss es jetzt ausbaden.

De nada = keine Ursache.“

Spätestens da haben wir sie endgültig ins Herz geschlossen.

Kapitel 4 – Touristen erkennt man am Mittag

Wir bemühen uns redlich, nicht sofort als Touristen erkannt zu werden.

Aufrechter Gang. Unauffälliger Blick. Möglichst so tun, als hätten wir hier seit Jahren einen Zweitwohnsitz mit Meerblick.

In Nizza hält diese Illusion bei mir exakt bis Punkt zwölf.

Denn dann ertönt täglich um Punkt zwölf der legendäre Kanonenschuss vom Schlossberg. Ein altes Ritual, bei dem nur die Touristen noch überrascht sind.

Während die Einheimischen nicht einmal blinzeln, zucke ich zuverlässig zusammen – gemeinsam mit der gesamten erkennbaren Touristenschaft.

Spätestens dann ist alles geklärt.

Kapitel 5 – Zwischen Markt, Meer und Mocktail

Familie hin oder her – wir nehmen uns auch Zeit für uns.

Wir trinken einen Mocktail in einer Bar am Meer, schauen auf das Wasser und tun eine Weile gar nichts Produktives.

Ein unterschätztes Talent.

Wir bummeln über den Markt, zwischen Blumen, Gewürzen, Seifen, Käse und Stimmen aus aller Welt hindurch.

Es ist jedes Mal wieder ein kleines Schauspiel. Duftender, lauter und schöner als jeder Supermarkt der Welt.

Später gehen wir durch die Stadt. Vorbei an Fassaden, die Geschichten kennen, an Balkonen voller Blüten und Cafés, in denen Menschen sitzen, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Und irgendwo dazwischen liegt dieses angenehme Gefühl, nicht viel zu müssen.

Nur da sein.

Und dann doch noch Touristen

Und dann tun wir etwas, was wir in über dreißig Jahren Nizza noch nie getan haben:

Wir steigen in einen Hop-on-Hop-off-Bus.

Spätestens in diesem Moment ist jeder Versuch gescheitert, nicht als Tourist aufzufallen.

Oben auf dem Deck fahren wir Richtung Villefranche – mit Blick aufs Meer, vorbei an Villen in Bestlage und jener Küste, die aussieht, als hätte jemand sie mit leichter Hand gemalt.

Manchmal braucht es Jahrzehnte, um etwas Offensichtliches endlich zu tun.

Kapitel 6 – Familie, aber in lebendig

Aber wir wären nicht in Nizza, gäbe es hier nicht auch Familie.

„Vergiss nicht, wir sind über 70“, sagt Reinhold vorsorglich zu Vanessa.

Er hat nicht unrecht.

Nach einigen Stunden mit der südfranzösischen Abteilung der Familie sind wir angenehm erschöpft.

Natürlich ist es schön. Quirlig. Voller Aktivitäten. Und ungefähr so erholsam wie ein Nachmittag im Freizeitpark.

Mit Arya zaubern, singen und tanzen wir.

Isaiah kämpft mit dem Zahnen – und überhaupt noch mit der großen Frage, wie dieses Leben hier eigentlich gedacht ist.

Am Ende des Tages sind alle geschafft.

Die Kinder aus gutem Grund. Wir aus biologischen Gründen.

Später sitzen wir draußen vor dem kleinen Traditionsrestaurant Pasta Basta in der Altstadt.

Die Dame, die uns bedient, fragt, in welcher Sprache sie uns die Speisekarte bringen soll.

Deutsch, Englisch, Französisch – bei uns spricht ohnehin jeder mit jedem anders.

Unser Erklärungsversuch wird freundlich abgewunken.

„Ich spreche Arabisch, komme aus Marokko“, sagt sie lachend.

Na wunderbar. Da kann ja nichts mehr schiefgehen.

Und als wäre Nizza nicht schon lebendig genug, zieht im Hintergrund singend, trommelnd und musizierend eine Gruppe Hare Krishna vorbei.

Wir sitzen da mit Pasta und denken:

Ja. Genau deshalb reisen wir.

Nach solchen Tagen schaffen wir den Berg hinauf ins Hotel nicht mehr zu Fuß.

Vanessa bestellt ein Uber.

Wir sinken auf die Rückbank wie zwei Menschen, die alles gegeben haben.

Kapitel 7 – Lost in Translation

Wir waren in den vergangenen Jahren oft in diesem Café am Markt frühstücken. Ganz typisch französisch, wie wir es lieben, wenn wir in Nizza sind.

Diesmal ist etwas anders. Offensichtlich hat der Besitzer gewechselt. Wo früher Croissant und Café crème regierten, lächeln nun Pancakes und Bagels von der Karte.

Nichts gegen Bagels. Wir mögen Bagels.

Aber eher in Kalifornien.

Reinhold spricht gut Französisch. Bei mir ist noch reichlich Luft nach oben. Asche auf mein Haupt.

Mit Englisch kommt man fast überall durch. Aber eben nicht immer.

So dauert die Bestellung unseres Frühstücks etwas länger.

Auf der Karte stehen Eier, Bacon, Bagel und Honig.

Wir bestellen freundlich: Statt Bagel bitte Baguette.

„Und Bagel?“ fragt der junge Mann. Er hatte offenbar Bacon verstanden.

Wir erklären erneut. Deutsch, Englisch, Französisch – alles im munteren Wechsel.

Dann nickt er plötzlich erleichtert:

„Aha! Bacon, Bagels und Baguette.“

Wie sich herausstellt, ist es sein erster Arbeitstag. Und er ist nicht aus Frankreich.

Pas de problème.

Am Ende bekommen wir zwei Spiegeleier und ein paar Scheiben Baguette.

Die Getränke sind unterwegs wohl verlorengegangen.

Und Honig – wer braucht schon Honig?

Epilog – Wieder nach Hause

Eine Woche ist schnell vorbei. Schneller, als man denkt.

Wir haben gelacht, gegessen, erzählt, gespielt und zwischendurch versucht, mit dem Tempo einer jungen Familie mitzuhalten.

Das gelingt mit Einsatz – aber nicht folgenlos.

Natürlich freuen sich alle, wenn wir kommen.

Und wir freuen uns erst recht.

Aber das Leben hier läuft weiter.

Mit Arbeit, Vorschule, Terminen, Einkäufen, Müdigkeit und allem, was zum Alltag dazugehört.

Wir sind ein schöner Teil davon auf Zeit.

Mehr muss es vielleicht auch gar nicht sein.

Wir nehmen warme Stunden mit, Kinderlachen, Meeresluft und dieses besondere Licht der Côte d’Azur.

Dann geht es wieder nach Hause.

Mit Koffern. Und schönen Erinnerungen.

 

Mehr Frankreich-Momente, persönliche Reisegeschichten und südliche Sehnsucht findest du auch auf unserer Frankreich-Seite:

Frankreich – Zwischen Lavendelfeldern, Küstenzauber und Lebensfreude.


 

Reisebloggerin 70+, digital & stilvoll – Edith mit iPad und Champagner in der Lounge

 

Über Edith: Sie ist 70+ und neugieriger denn je. Auf ihrem Blog

wanderlust-knows-no-age.com

schreibt sie über Reisen, Erinnerungen und das Leben dazwischen – poetisch, ehrlich und immer mit einem Augenzwinkern.

An ihrer Seite: Reinhold, unermüdlicher Navigator, ungeduldiger Ruhepol und heimlicher Hüter der Picknicktasche.

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