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Unterwegs mit uns und dem ganz normalen Wahnsinn

Unterwegs mit uns und dem ganz normalen Wahnsinn

Keine Gebrauchsanweisung für das Reisen. Nur ein paar Geschichten, die uns bis heute zum Lächeln bringen.


Amerika war für uns nie nur ein Reiseziel. Eine Zeit lang lebten wir hier. Es war Alltag – mit Gewitterstürmen, Supermärkten, Nachbarn und den kleinen Missverständnissen, aus denen später die besten Geschichten wurden.

Heute lebt ein Teil unserer Familie in Kalifornien und Maine. Vielleicht kehren wir deshalb immer wieder zurück. Vielleicht aber auch, weil uns dieses Land über die Jahre mehr als einmal überrascht, verwirrt und zum Lachen gebracht hat.

Was geblieben ist? Nicht nur Fotos, sondern Geschichten. Geschichten, die in der Bordküche enden, im Straßengraben beginnen oder mit Pumps aus dem Sand befreit werden.

Alle sind wahr. Zumindest so, wie wir uns gern daran erinnern.

Hier wurde Amerika für uns Alltag – mit Schneestürmen, Nachbarn und Geschichten, die bis heute nachhallen.


Über den Wolken beginnt der Wahnsinn

Manchmal beginnt ein Reise-Abenteuer nicht erst am Ziel, sondern bereits in 10.000 Metern Höhe.

Auf einem Flug von Frankfurt nach Los Angeles begrüßte uns der Pilot mit den Worten: „Herzlich willkommen auf unserem Flug nach San Francisco.“

Mir wurde augenblicklich heiß. San Francisco? Hatte ich mich verirrt? Ja, ich steige schon mal in falsche Züge und fahre versehentlich durch halb Deutschland, bevor ich da ankomme, wo ich eigentlich hinwollte. Aber ein falsches Flugzeug?

Zum Glück korrigierte der Pilot sich ein paar Sekunden später: „Natürlich fliegen wir nach Los Angeles.“ Mein Puls sank wieder auf Normalgeschwindigkeit.

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Ein anderes Mal war ich, wieder allein, auf dem Weg nach Kalifornien. Reinhold hatte mir ein First-Class-Ticket spendiert. Ich stellte mir Champagner, Gourmet-Menüs und entspanntes Schlafen im LH-eigenen Schlafanzug vor.

Dann meldete sich der Krabbensalat zurück, den ich als Vorspeise gegessen hatte.

Statt in einem luxuriösen Bett verbrachte ich Stunden in der Bordküche, den Kopf über einem großen Behälter, diskret hinter einem zugezogenen Vorhang.

Mein ganz persönliches First-Class-Erlebnis.

Manche Reisen beginnen mit einem Blick aus dem Fenster – und enden mit Erinnerungen fürs Leben.


Zuhause in Amerika

Wenn man eine Zeit lang in einem anderen Land lebt, sammelt man keine Sehenswürdigkeiten. Man sammelt Alltag. Einfahrten, Nachbarn, Supermärkte, Wetterwarnungen. Und Sätze, die bleiben.

Es schneite seit Stunden, als wir vom Einkaufen zurückkamen. Fast waren wir zu Hause. Nur noch die lange verschneite Auffahrt hinauf, die wir uns mit unseren Nachbarn CJ und Linda teilten.

Dann passierte es. Wir rutschten auf spiegelglattem Untergrund mit bemerkenswerter Eleganz in den Graben.

CJ eilte mit Abschleppseil herbei. Ich saß am Steuer. Reinhold rief Anweisungen, die mit zunehmender Nervosität immer lauter wurden – jedes Mal eingeleitet mit einem gebrüllten „Schatzi!“

Irgendwann platzte mir der Kragen. „Nenn mich nicht Schatzi!“

Später erzählte Linda, ihr Mann habe im Wörterbuch nachgesehen, was „Schatzi“ bedeutet. Er sei fest davon überzeugt gewesen, es müsse das schlimmste deutsche Schimpfwort überhaupt sein.

Seitdem hat „Schatzi“ in Connecticut eine ganz eigene Bedeutung.

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Ein anderes Mal lag ein langer Flug hinter uns: Johannesburg, Frankfurt, New York. Wir waren müde, übernächtigt und wollten nur noch nach Hause.

Auf dem Highway erschien plötzlich Blaulicht im Rückspiegel. Anhalten. Führerschein. Fahrzeugpapiere.

Der Polizist prüfte unsere Unterlagen, sah uns freundlich an und sagte mit Nachdruck: „Mr. Wogtmän, this is not the German Autobahn.“

Zum Glück blieb es bei einer Verwarnung. Und der Satz blieb für immer.

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Auch das Wetter nahm seine pädagogische Aufgabe ernst. Seit Tagen wurden in Radio und Fernsehen schwere Gewitter mit Blitz und Hagel angekündigt. „Stay safe“, hieß es ununterbrochen.

Unser persönlicher Beschützer Reinhold war gerade irgendwo auf der Welt unterwegs, also beschlossen Lena und ich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

Wir packten Unterwäsche für fünf Tage, Wasser, Knabbersachen, zwei Gartenstühle, Decken, Kissen und – aus heutiger Sicht die fragwürdigste Entscheidung des Abends – eine große Zitronella-Kerze gegen Mücken.

Über eine enge Treppe gelangten wir in den Naturkeller. Findlinge, Lehmboden, niedrige Decke, kein Fenster. Eine Kulisse wie aus einem Film, in dem man nicht mitspielen möchte.

Nach knapp einer Stunde wurde die Luft knapp. Uns brummten die Köpfe von der Zitronella-Kerze. Auch die flackernde Atmosphäre, die sie verbreitete, weckte wenig Vertrauen in unsere Überlebensstrategie.

Schließlich kamen Lena und ich überein, dass es vermutlich angenehmer wäre, von einem Gewitter überrascht zu werden, als im eigenen Schutzkeller an Mückenabwehr zu ersticken.

Wir gingen wieder nach oben. Am Ende haben wir beides überlebt.

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Und dann war da noch Cape Hatteras.

„Es ist nur ein kleiner Hupfer von Connecticut“, meinte Tanja, die ein paar Tage dort verbrachte. „Kommt doch einfach vorbei.“

Dieser „kleine Hupfer“ entpuppte sich als fast tausend Kilometer lange Strecke. Einfach.

Vor der Heimfahrt am nächsten Tag hatten wir uns einen kurzen Abstecher zum Strand redlich verdient. Fanden wir.

Mein hysterischer Hinweis, bitte nicht zu weit in den Sand zu fahren, wurde ignoriert.

„Alles ganz problemlos“, sagte Reinhold.

Genau in diesem Moment blieben wir mit dem Auto im Sand stecken.

Ohne Allrad. Ohne Hilfe. Ohne Hilfsmittel.

Als die Reifen qualmend durchdrehten und es beängstigend nach heißem Gummi roch, blieben nur meine Pumps zum Unterlegen. Echtes Leder. Handcrafted in Italy.

Sie haben uns schließlich wieder befreit. Tragen konnte ich sie allerdings nicht mehr.

Das war der längste kleine Hupfer meines Lebens.

Aus einer verschneiten Einfahrt, einem missverstandenen „Schatzi“ und einem Auto mit bemerkenswertem Talent, sich festzufahren, entstand eine Freundschaft mit CJ und Linda, die bis heute hält – und uns viele Jahre später gemeinsam durch Bayern führte.


Reinhold gegen die Welt

Reisen mit Reinhold bedeutet: Es gibt immer einen Plan. Manchmal sogar einen sehr klaren. Und manchmal steht dieser Plan in direktem Widerspruch zur Wirklichkeit.

Parken in Manhattan zum Beispiel ist teuer. Sehr teuer. Man könnte auch sagen: so teuer, dass Reinhold es als persönliche Herausforderung betrachtet.

Einmal rollten wir in ein Parkhaus, fragten nach dem Preis und erhielten eine Antwort, die Reinhold augenblicklich zu einer klaren Entscheidung veranlasste.

„Ohne mich.“

Damit war das Thema beendet. Im Rückwärtsgang stießen wir die kurvige Einfahrt wieder nach oben, verließen das Parkhaus und suchten weiter.

Es gibt Menschen, die zahlen für einen Parkplatz. Und es gibt Reinhold.

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In Waterville wollte Reinhold lediglich einen Milkshake von Dairy Queen. Eine einfache Angelegenheit, sollte man meinen.

Die Verkäuferin fragte freundlich: „Extra Protein?“

Reinhold war kurz irritiert. „Früher wurde gefragt, ob ich eine Extra-Kugel Vanilleeis möchte.“ Irritation auf beiden Seiten.

Versehentlich war er in einem Geschäft für Nahrungsergänzung gelandet. Beim Weiterfahren sahen wir: Dairy Queen war ein Stück weiter.

Seitdem gehört „Extra Protein, Schatz?“ zu unseren festen Running Gags.

New York: Zwischen Wolkenkratzern, Verkehrschaos und unvergesslichen Augenblicken.


Wenn Reisen Menschen verbindet

Nicht alle Geschichten sind laut. Manche beginnen mit Unsicherheit und enden mit einem Lächeln.

Lena und ich begleiteten Reinhold auf einer Geschäftsreise nach Afrika.

Ein Geschäftspartner in Harare, Simbabwe, hatte uns zum Abendessen eingeladen. Lena, damals Teenager, machte sich große Sorgen wegen ihrer Zahnspange.

„Die anderen Mädchen sehen bestimmt total hübsch aus“, sagte sie. „Und ich habe dieses riesige Ding im Mund.“

Die Begrüßung war herzlich, das Essen köstlich, und schon bald wurde viel gelacht.

Unübersehbar: Beide Töchter der Gastgeber trugen ebenfalls glänzende Zahnspangen.

Manchmal verbindet ein gemeinsames Lächeln schneller als jede Sprache.

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Auch in Australien begann eine Geschichte mit einer Einladung.

Wieder einmal begleitete ich Reinhold auf einer Geschäftsreise. Ein Geschäftspartner hatte uns zu sich und seiner Familie nach Hause zum Truthahnessen eingeladen.

Welche Ehre.

Wir wurden herzlich empfangen, tranken einen Aperitif und warteten gespannt auf das angekündigte Festmahl.

Was mich wunderte: Im ganzen Haus roch es nicht im Geringsten nach gebratenem Truthahn.

Dann hörten wir ein leises „Pling“.

Die Mikrowelle öffnete sich.

Und heraus kam unser Truthahn. In Soße. Mundgerecht. Nur noch die Folie war abzuziehen.

Der Abend war trotzdem ausgesprochen nett.

Später im Hotelbett murmelte Reinhold:

„Der Abend war wunderbar. Aber das Essen war … sagen wir: ausbaufähig.“

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Viele Begegnungen dauern nur wenige Minuten. Und bleiben doch länger als manches perfekte Urlaubsfoto.

So standen wir einmal an einer Aussichtsplattform am Highway One. Eine freundliche Dame bot an, ein Foto von uns zu machen.

„Where are you from?“ fragte sie, während ich ihr mein Handy reichte.

„Germany.“

Sie strahlte und deutete auf ihren Mann.

„My husband is German, too, partially.“ Dann zeigte sie auf seine Gürtelschnalle und ließ den Finger bis zur Schuhspitze wandern. „From here to here.“

Well.

Wir lachten alle.

Das Foto, das sie von uns machte, war übrigens nichts geworden.  Aber das Bild in meinem Kopf ist bis heute gestochen scharf.

Der ganz normale Wahnsinn kennt keine Landesgrenzen.


Warum wir bis heute so gern reisen

Amerika war für uns nie nur ein Reiseziel. Es war Alltag, Abenteuer und manchmal eine kleine Lektion in Gelassenheit.

Und natürlich endete der ganz normale Wahnsinn nicht an den amerikanischen Grenzen.

Ob in Afrika, Australien oder anderswo – überall warten Geschichten, die man nicht planen kann.

Wir haben gelacht, uns verfahren, festgefahren und am Ende meistens doch wieder herausgefunden.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum wir bis heute so gern reisen: wegen der Menschen, denen wir begegnen, der Erinnerungen, die bleiben, und der Geschichten, die uns auch nach vielen Jahren noch zum Lächeln bringen.

Und manchmal bleibt am Ende einfach das Gefühl, dass man irgendwann wieder zurückkehren wird.

 

Mehr Geschichten über das, was zwischen Reisen, Erinnerungen und Alltag passiert:
Das Leben dazwischen


Über Edith: Sie ist 70+ und neugieriger denn je. Auf ihrem Blog

wanderlust-knows-no-age.com

schreibt sie über Reisen, Erinnerungen und das Leben dazwischen – poetisch, ehrlich und immer mit einem Augenzwinkern.

An ihrer Seite: Reinhold, unermüdlicher Navigator, ungeduldiger Ruhepol und heimlicher Hüter der Picknicktasche.

Kleine Momentaufnahmen von unterwegs und aus dem Leben dazwischen teilt Edith auch auf Instagram: @edivo2017.

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