Route 66 – Hundert Jahre Sehnsucht auf Asphalt
Zum 100. Geburtstag der Route 66 schreibe ich diesen Text.
Nicht als Reiseführer. Sondern als Tribut an eine Straße, die für uns immer mehr war als nur ein Weg von A nach B.
Prolog – Gegen den Strom
Die Route 66 war lange ein Traum von uns. Einer, der über Jahre leise mitreiste.
Wir hatten viel über sie gelesen. Über Freiheit und Fernweh. Über Aufbruch und Hoffnung. Aber auch über Armut, Vertreibung und darüber, wie viel Blut auf amerikanischem Boden geflossen ist, lange bevor hier der Mythos begann.
Vielleicht ist es genau das, was man auf dieser Straße spürt: Nicht nur Sehnsucht, sondern auch Schwere. Nicht nur Weite, sondern Geschichte.
John Steinbeck nannte sie die „Mother Road“. Wer seinen Roman liest, spürt zwischen vielen Zeilen auch Melancholie. Als würde die Straße selbst wissen, was Menschen auf ihr gesucht – und verloren – haben.
1926 wurde sie offiziell ausgeschildert.
Fast 4.000 Kilometer durch acht Bundesstaaten, drei Zeitzonen – und nun ein ganzes Jahrhundert Geschichte.
Man fährt die Route 66 klassisch von Osten nach Westen. Von Chicago nach Santa Monica. Vom Herzen Amerikas Richtung Pazifik. Vom Alten ins Versprechen.
Wir starteten dort, wo sie endet – am Pier von Santa Monica – und fuhren nach Osten. Gegen die klassische Erzählung. Aber genau richtig für uns.
Hinter uns Kalifornien. Hinter uns ein Teil Familie. Vor uns tausende Kilometer Straße – und später ein anderer Teil Familie.
Vorfreude und Wehmut saßen mit im Auto.
Kapitel 1 – Abschied am Pazifik
Den Pier von Santa Monica kannten wir gut. Wir waren oft hier, haben Angler beobachtet, Straßenmusikern zugehört, aufs Meer geschaut und das Kommen und Gehen genossen.
Für mich ist Santa Monica mehr als ein Ort. Es ist ein Sehnsuchtsort. Einer dieser Plätze, an denen man gleichzeitig gern bleibt und trotzdem weiterziehen muss.
Der Abschied von Kalifornien fällt uns nie leicht. Noch schwerer ist nur der Abschied von Lena.
Nicht zu wissen, wann man sich wiedersieht, gehört zu den stillen Zumutungen eines Lebens mit Familie auf mehreren Kontinenten.
Kapitel 2 – Zwischen Mythos und Highway
Wer von der Route 66 träumt, denkt an endlose Straßen, Neonlichter, Diners, Tankstellen mit Charakter und den großen amerikanischen Horizont.
Die Wahrheit ist: Wer vorankommen will, landet zwischendurch auf dem Highway. Sonst wären wir vermutlich heute noch unterwegs.
Also taten wir, was vernünftige Romantiker tun: Wir nahmen die schnellen Strecken, wo es nötig war – und suchten uns die Orte heraus, die wir wirklich sehen wollten.
Dann bogen wir ab.
Und plötzlich waren wir wieder auf der Route 66.
Kapitel 3 – Orte, die blieben
Manche Reisen bestehen aus Hotels und Tankstopps. Andere aus Bildern, die bleiben.
Wüste, Wunder und wilde Esel
Da war das Bagdad Café in der Mojave-Wüste. Viele kennen es aus dem Film „Out of Rosenheim“ – dieser schrägen, warmherzigen Geschichte mit Marianne Sägebrecht, die genau hier ihren Zauber fand.
Für uns blieb vor allem die Herzlichkeit unvergessen, mit der wir empfangen wurden.
Andrea Pruett sah Reinhold zum Abschied tief in die Augen, deutete auf mich und sagte: „Pass gut auf sie auf.“
Manchen Menschen begegnet man nur kurz – und vergisst sie nie.
Da war Oatman mit seinen Eseln, die mitten auf der Straße standen, als gehöre ihnen der Ort – was vermutlich auch stimmt.
Da war Seligman mit Cowboy-Charme und herrlichem Kitsch. Kingman am Rand der Wüste.
Und dann der Meteor Crater.
Wir standen dort mit offenem Mund. So gewaltig, so plötzlich, so unbegreiflich groß, dass man für einen Moment sehr still wird.
Ein Loch in der Erde – und gleichzeitig ein Blick in Dimensionen, die den Alltag angenehm klein erscheinen lassen.
Farben, Weite und neue Rhythmen
Da waren der Petrified Forest und die Painted Desert – Landschaften, die eher gemalt wirken als echt.
Da war Albuquerque mit neuen Rhythmen.
Und dann Texas. Amarillo.
Kaum sah ich das Ortsschild, hatte ich Tony Christie im Ohr: „Is this the way to Amarillo?“
Manche Ohrwürmer steigen schneller ein als Reisebegleiter mit Handgepäck.
Kurz hinter Amarillo stecken an der Cadillac Ranch zehn Cadillacs mit der Schnauze im Boden – bunt besprüht, schräg, übermütig und sehr amerikanisch.
Und natürlich gilt in Texas: Everything is bigger.
Auch das Steak.
In der Big Texan Steak Ranch wird ein 72-Unzen-Steak serviert – gut zwei Kilo Fleisch, begleitet von allem, was man danach vermutlich nicht mehr braucht.
Wir haben ehrfürchtig geschaut. Man muss ja nicht jeden Mythos selbst bezwingen.
Chrom, Chaos und das Ende am Mississippi
Da war Sapulpa – mit einem kleinen Automuseum, das Reinholds Herz zuverlässig höherschlagen ließ.
Von außen unscheinbar, innen voller glänzender Erinnerungen auf vier Rädern.
Da war Joplin, wo Reinhold loszog, um Pizza zu holen – und ohne Pizza zurückkam.
Nach einer komplizierten Bestellung stellte sich heraus: Hier gab es nur „take home and bake“.
Wir gingen stattdessen in ein Brauhaus und aßen Burger.
In Amerika oft die sicherere Entscheidung.
Da waren Galena, Cuba und andere Orte, die man vorher kaum auf dem Schirm hatte – und die gerade deshalb etwas hinterließen.
Und schließlich Saint Louis.
Der Gateway Arch am Mississippi – Symbol für den Aufbruch nach Westen und für uns das Ende eines Kapitels.
Kapitel 4 – Staub auf der Geschichte
Zwischen all dem Kitsch, dem Staub und der Freiheitserzählung fährt noch etwas mit: Geschichte.
Amerikas Westen wurde nicht leer vorgefunden. Die Expansion, aus der Straßen, Städte und Legenden entstanden, bedeutete für viele indigene Gemeinschaften Vertreibung, Gewalt und Verlust.
Wer heute über diese Straßen reist, sieht Landschaften.
Wer genauer hinschaut, sieht auch Spuren.
Beides gehört zur Wahrheit.
Epilog – Manche Straßen enden nie
Mit etwas Wehmut nahmen wir in Saint Louis Abschied von der Route 66.
Von einer Straße, die Sehnsucht weckt – und sie doch nie ganz stillt.
Hinter uns lag ein Stück amerikanischer Mythos: Asphalt, Neon, weite Horizonte und Geschichten, die uns viele Meilen lang begleitet hatten.
Vor uns lag der Osten. Maine. Familie. Neue Erinnerungen.
Doch in Gedanken fahren wir noch immer weiter – irgendwo zwischen Wüste, Kleinstadt und Tankstelle über diese alte Straße.
Diese Reise endet hier nicht – sie geht woanders weiter.
Mehr von dieser Reise – so, wie wir sie damals erlebt haben – findest du hier:
Route 66 – Aufbruch auf der Mother Road
wanderlust-knows-no-age.com
schreibt sie über Reisen, Erinnerungen und das Leben dazwischen – poetisch, ehrlich und immer mit einem Augenzwinkern.
An ihrer Seite: Reinhold, unermüdlicher Navigator, ungeduldiger Ruhepol und heimlicher Hüter der Picknicktasche.
