Zuhause
Prolog – Ein Wort, das mitreist
Was bedeutet Zuhause?
Während ich darüber nachdenke, sitzen wir im Flieger auf dem Rückweg von Nizza. Unter uns Wolken, vor uns Hamburg, irgendwo dazwischen diese alte Frage, die mit jeder Reise wieder auftaucht.
Zuhause.
Ein kleines Wort.
Und doch keins, das man einfach festhalten kann.
Man sagt: Zuhause ist es am schönsten. Oder: Zuhause ist, wo das Herz ist. Schöne Sätze. Aber was bedeuten sie wirklich?
Viele Menschen verlieren jedes Jahr ihr Zuhause, andere verlassen es freiwillig. Manche kehren zurück. Manche nie.
Vielleicht ist Zuhause deshalb weniger ein Ort als eine Hoffnung.
Früher war es leichter
Wir sind oft umgezogen – nicht aus Unruhe, sondern weil das Leben es so wollte. Neue Orte, neue Wohnungen. Und meistens hatte ich das Gefühl: Ich komme an.
Selbst unser Haus am See – unser Traumhaus – war mehr Wochenendort als Lebensmittelpunkt. Unter der Woche funktionierten wir anderswo. Am Wochenende kehrten wir zurück. Und trotzdem stimmte es.
Vielleicht, weil ich mich schnell einrichten konnte. Weil Vertrautheit für mich nie nur an Wänden hing. Ich trug vieles, was Zuhause ausmachte, längst in mir. Mal leichter, mal schwerer. Aber immer dabei.
„Zuhause ist das, was man mitnimmt, nicht das, was man zurücklässt.“
— N.K. Jemisin
Häuser wechseln. Erinnerungen ziehen mit.
Reisen auf der Suche nach etwas
Wenn wir verreisen, verlassen wir unser Zuhause. Und doch suchen wir unterwegs oft genau das wieder: ein Gefühl von Ankommen.
Für Reinhold und mich – da ticken wir erstaunlich gleich – war Reisen nie nur Urlaub. Es war immer auch Entdeckerlust, Neugier, Bewegung. Und ja: vielleicht auch eine gewisse Rastlosigkeit.
Wir versuchen seit Jahren, diese Unruhe etwas zu zügeln. Uns von dem Gedanken zu befreien, immer noch irgendwo anders sein zu müssen. Mit überschaubarem Erfolg.
Zwischen Haus und Hecke
Heute fühlt es sich anders an.
Wir haben unser Haus aufgegeben. Die Kinder leben im Ausland. Und wir sind irgendwo dazwischen gelandet.
Für den Moment wohnen wir hier: praktisch, ordentlich, sagen wir: fast altersgerecht.
Ein Neubaugebiet. Alles neu. Alles nah. Kinderstimmen. Bellende Hunde. Freundliche Nachbarn.
Nichts davon ist falsch. Aber vieles davon ist nicht unseres.
Wir haben immer ruhiger gewohnt – freier, individueller, mit mehr Abstand. Hier ist das Leben dichter. Und manchmal auch lauter, als es uns guttut.
Man kann Schlüssel besitzen, Verträge unterschreiben, Wände streichen – und sich trotzdem nicht zuhause fühlen.
Eine klare Erkenntnis
Neulich sagte Reinhold beim Kaffee: „Hier möchte ich nicht sterben.“
Ich habe nur genickt. Nicht dramatisch. Nur ehrlich.
Man kann ein Haus haben und sich trotzdem fremd fühlen. Und man kann an einem Ort sein, der nie für immer gedacht war – und wissen: Das ist jetzt richtig. Aber nicht für immer.
Epilog – Was genügt
Vielleicht braucht Zuhause weniger, als ich lange gedacht habe. Keine perfekte Adresse. Keinen endgültigen Ort.
Vielleicht entsteht es nicht dort, wo alles stimmt. Sondern dort, wo man sich gemeint fühlt.
Ein Gefühl reicht.
Ein Mensch an der Seite.
Und dieser eine Moment, in dem man merkt:
Es fehlt nichts.
Auch wenn draußen ein Hund bellt.
Mehr Gedanken aus der Reihe „Das Leben dazwischen“ findest du 👉 hier.

Über Edith: Sie ist 70+ und neugieriger denn je. Auf ihrem Blog
schreibt sie über Reisen, Erinnerungen und das Leben dazwischen – poetisch, ehrlich und immer mit einem Augenzwinkern.
An ihrer Seite: Reinhold, unermüdlicher Navigator, ungeduldiger Ruhepol und heimlicher Hüter der Picknicktasche.