Ein Sitz, ein System und zwölf Stunden Zeit
Prolog – Zwischen Check-in und Charaktertest
Manchmal beginnt eine Reise nicht mit Vorfreude, sondern mit einer kleinen Zumutung.
Nicht dramatisch. Nur so eine Art Nadelstich in die Gelassenheit.
Und weil wir inzwischen wissen, wie schnell aus „Ach, wird schon“ ein sehr langes „Oh doch…“ werden kann,
erzähle ich diese Szene zuerst.
Als Vorreiter. Als leise Warnung. Und als Auftakt zu allem, was danach kommt.
Der defekte Sitz und der Loriot-Moment über den Wolken
Am LH-Schalter in Hamburg eröffnete uns die Dame, dass man mich von Sitz H23 auf K21 umbuchen musste.
Ganz ehrlich: So eine Nachricht braucht niemand vor einem Langstreckenflug.
Der Grund: ein defekter Sitz.
„Für Ihr Geld haben Sie einen funktionstüchtigen Sitz verdient.“
Really?
Auf die Idee, uns beide umzusetzen, kam man entweder nicht – oder sie war zu aufwändig.
Aber auf einem zwölfstündigen Flug von München nach Los Angeles neben einem fremden Menschen zu sitzen (oder zu liegen) – oder neben einem toten, nicht funktionstüchtigen Platz?
Nicht mit Reinhold. So viel sei vorweggenommen.
Mit dem Bodenpersonal kamen wir nicht weiter.
In Hamburg: Arroganz pur.
In München: keine Zeit. Wir mussten zügig von Terminal G zum L-Terminal – da blieb kein Raum für Sitzdiskussionen.
Im Flieger – einem A380, meinem absoluten Lieblingsflugzeug – versuchten wir es erneut.
Nach der Begrüßung durch die Crew, die optimistisch glitzernde „Happy 2026“-Krönchen trug, erklärten wir einer Flugbegleiterin unser inzwischen ausgewachsenes Dilemma.

Sie rieb sich nachdenklich das Kinn.
Dann begann etwas, das stark an einen Loriot-Sketch erinnerte.
Ich wartete derweil auf Sitzplatz K23, neben dem defekten H23, meinem ursprünglich gebuchten.
Herr A, Gangplatz K21, wurde gefragt, ob er zwei Reihen nach hinten rutschen würde.
Theoretisch gern – aber seine Frau, Frau A, saß durch einen Gang getrennt in der mittleren Reihe auf G21 und würde seine Hilfe benötigen.
Dann kam Dame B ins Spiel, Sitznachbarin von Frau A, ebenfalls Gangplatz, aber zum Gang auf der anderen Seite.
Dame B erklärte sich bereit und zog von D21 auf K23, neben den Sitz, der nicht funktionieren wollte.
Herr A zog von K21 auf G21, Frau A von G21 auf D21.
Ehepaar A saß jetzt vereint – ohne Gang dazwischen.
Ich wechselte von K23 auf K21.
Reinhold und ich saßen nun ebenfalls zusammen.
Und Dame B war nun auf K23 gelandet – aber das hatten wir ja schon.

„You owe us,“ sagte Reinhold lachend zu ihr, „einen Platz ohne Sitznachbar …“
Denkste.
Nach „All doors in flight“ kam ein letzter Passagier. Nicht abgehetzt. Ganz ruhig.
Und setzte sich – richtig – auf den in seiner Leistung eingeschränkten Platz H23, direkt neben Dame B.
„Das ist wahrscheinlich ein Mitarbeiter,“ erklärte die Flugbegleiterin.
„Der zahlt nur zwanzig Prozent des Flugpreises. Während Sie für den vollen Preis auch volle Leistung erwarten können.“
Das kam uns irgendwie bekannt vor.
In diesem Moment hätte es mich nicht gewundert, wenn jemand gerufen hätte:
„Früher war mehr Lametta.“
Wir sind gut gelandet. Alle. Auch der Sitz.
Epilog – Und jetzt: Kalifornien
So beginnt sie also, unsere nächste Runde Amerika: mit einem defekten Sitz und einem perfekt geölten Umsetz-Ballett.
Der Rest wird schöner. Wärmer. Weiter.
Und wer weiß – vielleicht sogar mit funktionstüchtiger Sitzfläche.
Diese Reise lässt sich auch als zusammenhängende Geschichte lesen:
Kalifornischer Winter – Eine Reise zwischen Wüste und Pazifik
wanderlust-knows-no-age.com
schreibt sie über Reisen, Erinnerungen und das Leben dazwischen – poetisch, ehrlich und immer mit einem Augenzwinkern.
An ihrer Seite: Reinhold, unermüdlicher Navigator, ungeduldiger Ruhepol und heimlicher Hüter der Picknicktasche.
