Silvester ohne Zauberpunkt – ein persönliches Jahresende
Prolog – Wenn ein Jahr im Jetlag endet
Nicht genug, dass ein langer Transatlantikflug hinter uns liegt – auch die Weihnachtsfeiertage sind bereits Geschichte.
Und hier stehen wir nun: wieder einmal in Kalifornien. Silvester in Los Angeles.
So richtig glauben mag ich es noch nicht. Jeder sagt es, doch die Frage bleibt:
Wo ist dieses Jahr geblieben? Das können doch niemals 365 Tage gewesen sein.
Wir feiern Silvester. Natürlich.
Aber wir feiern es anders: schlafend, dankbar, gut zugedeckt – in einem Airbnb-Bett, das uns nach dem Jetlag vorkommt wie eine Einladung zum Frieden.
Wenn der Funke nicht um Mitternacht springt
Ich mag Tage, die aus der Norm fallen. Wenn Glücksbringerstände plötzlich auftauchen, sich in Supermärkten Delikatessen türmen, Champagnerpyramiden wackeln und Schaufenster glitzern, als hätten sie Lampenfieber.
Dann liegt etwas Feierliches in der Luft, dem selbst ich mich nicht entziehen kann.
Und trotzdem:
Ich bringe es nicht fertig, meiner Uhr zuzujubeln.
Dieser berühmte Moment – Punkt Mitternacht – ist bei genauer Betrachtung ein wandernder Augenblick. Wenn wir feiern, schlafen andere längst; anderswo hat das neue Jahr noch nicht einmal die Schuhe angezogen.
Die Magie um 0:00 Uhr ist kein fixer Punkt, sondern ein bewegliches Ziel.
Bei mir springt dieser Funke nicht auf Kommando über.
Vorsätze? Nein. Entscheidungen!
Noch etwas gestehe ich: Ich halte nichts von Neujahrsvorsätzen.
Wenn man etwas ändern möchte, beginnt man in dem Moment, in dem der Wunsch entsteht. Nicht am 1. Januar. Nicht nach dem Feuerwerk.
Sobald man ein Datum braucht, ist die Veränderung schon wacklig.
Der beste Moment für Entwicklung ist immer: jetzt.
Feuerwerk – und der stille Protest meiner Vernunft
Über Geld, das krachend in die Nacht verpufft, über Tiere, die verängstigt unter Sofas zittern, über Krankenhäuser und Feuerwehr, die in dieser Nacht Übermenschliches leisten – davon möchte ich gar nicht erst anfangen.
Ein organisiertes Feuerwerk mag ich: wohldurchdacht, choreografiert, für ein paar Minuten ein kleines Spektakel – bunt, funkelnd, wie Sternchen, die sich kurz vom Himmel lösen und dann wieder verschwinden.
Aber Hinz und Kunz müssen deshalb nicht die Nachbarschaft in Angst und Böllerduft hüllen.
Drei Jahrzehnte Silvester – eine Reise durch Glanz und Gähnen
Wir haben ihn immer wieder gesucht, den ultimativen Silvesterkick.
Wir haben ihn selten gefunden – und wenn, dann meist zwischen den Zeilen.
Las Vegas: Glimmer und Licht. Um Mitternacht lagen wir längst im Bett.
New York: Menschenmassen, überfüllte Straßen. Bevor der legendäre Ball fiel, bahnten wir uns den Rückweg ins Hotel.
Québec, Château Frontenac: Dinner, Tanz in historischen Gemäuern – und ja, wir hielten durch. Stolz wie Marathonläufer.
Jamaica zu dritt: Während Lena und ich mit der Liveband „Feliz Navidad“ sangen, erklärte Reinhold plötzlich feierlich, unser Nachname deute auf Landvögte hin. Verarmter Adel.
Wir bemühten uns kurz um Fassung – und lachten dann Tränen.
Unvergessen. Und ja: An diesem Silvester blieben wir wach.
Florida, Cape Coral: Familientreffen mit Pool und Grill. Warm, entspannt, unspektakulär schön.
Kurz nach Mitternacht lagen wir alle im Bett – synchron, wie auf ein geheimes Zeichen hin.
Malibu: Ein Airbnb in den Santa Monica Mountains mit einem Blick – unbezahlbar. Ein Abend zu dritt. Leckeres Essen, ein Glas Chardonnay. Der erste gähnte – wir schüttelten die Betten auf. Mitternacht? Ein fernes Gerücht.
Wien, Hotel Sacher: Schick. Teuer. Und – wie sagt man höflich? – völlig überschätzt.
Sankt Petersburg, Katharinenpalast: Ein Silvester wie ein Versprechen. Private Führung durch das Bernsteinzimmer – so still, dass man fast vergaß zu atmen.
Das angekündigte Feuerwerk blieb aus.
Der russische Winter schweigt manchmal majestätischer als jede Rakete.
Rügen, Binz: Wellnesshotel, Komplettpaket. Wir wollten später essen – damit der Abend nicht zu lang wird.
Falsch gedacht. Ein Anruf: Man warte auf uns. Alle Augen im Restaurant auf uns.
Nach dem Essen: Liveband, Tanzen, zwei Runden Discofox.
Weit vor Mitternacht waren wir zurück im Hotelzimmer.
Das Feuerwerk sahen wir im Fernsehen – vom Bett aus.
Und dann all die Silvesterdinner.
Diese dekadenten Preise! Nur weil die Jahreszahl sich ändert?

Der Endgegner: Raclette und Bleigießen
Mehr sage ich nicht.
Wer es liebt, soll es weiter tun. Wir gehören nicht mehr dazu.
Wir sind älter geworden.
Und wir lieben unser Pärchensilvester.
Ein Spaziergang am Meer. „Dinner for One“ – dieser alte Silvester-Sketch im Fernsehen. Ein gutes Essen. Und schlafen gehen, wenn wir müde sind – nicht, wenn der Zeiger es verlangt.
Es ist erstaunlich befreiend, nicht mehr nach fremden Erwartungen zu tanzen.
Los Angeles – ein Silvester nach unserem Geschmack
Dieses Jahr feiern wir mit einem Teil der Familie.
Leckeres Essen, ehrliche Gespräche, Lachen – und große Dankbarkeit, dass wir zusammen sind.
Und dann schlägt sowieso der Jetlag zu. Sanft, aber bestimmt.
Er ist unser persönlicher Countdown.

Epilog – Gute Nacht, altes Jahr
Gute Nacht, altes Jahr.
Du warst schnell, du warst wild, du warst unberechenbar.
Auf das neue Jahr – von dem keiner weiß, was es bringt.
Ich wünsche mir Gesundheit, Glück und Zufriedenheit.
Alles andere sind Sahnehäubchen.
Denn das, was wirklich zählt, lag noch nie in unserer Hand.
Ein leiser Gedanke zum Weiterlesen:

wanderlust-knows-no-age.com über Reisen, Erinnerungen und das Leben dazwischen.
Zusammen mit Reinhold pendelt sie zwischen norddeutschem Himmel, Familienbesuchen in Kalifornien und der großen, weiten Welt – immer mit einem Augenzwinkern und einem offenen Herzen.
